Für die einen ist es Straßenmalerei, für die anderen ein Radfahrstreifen

Radspur Otto-Hirsch-Brücken

Radspur Otto-Hirsch-Brücken

Obertürkheim – Nicht einmal einen Monat sind die auf den Otto-Hirsch-Brücken neu markierten Radfahrstreifen alt, da ist die Kritik über sie bereits unüberhörbar laut. Süffisant bezeichnete sie einer gar als Straßenmalerei. Und manch anderer Gegner befürchtet schon, dass Unfälle nicht lange auf sich warten lassen werden und die ersten Radler bald nicht auf, sondern wortwörtlich unter die Räder kommen.

Dabei müsste eigentlich zumindest die Fraktion der Velofahrer triumphieren, wenn das ohnehin mickrige Radverkehrsnetz der schwäbischen Metropole endlich um ein paar Meter wächst.

Doch weit gefehlt: Denn zum einen gründet die Intention der Verantwortlichen nicht etwa auf einem verkehrspolitisch konstruktiven Ansatz, den Radverkehr auf den Straßen präsenter zu machen, indem die überproportional dem Auto übereigneten Flächen gerechter umverteilt werden. Vielmehr handelt es sich bei der Verlängerung des Radfahrstreifens aus der Augsburger Straße über den Imweg kommend um eine Umleitung des Neckartal-Radwegs, die wegen der Stuttgart-21-Baustelle an der Hafenbahnstraße erforderlich wird.

Und genau deswegen macht sich ausgerechnet vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club Ungemach breit. Gegenüber der Eßlinger Zeitung monierte die Landesvorsitzende Gudrun Zühlke Mitte Februar dieses Jahres, dass bei der Streckenführung leider weder Vertreter der Radfahrer noch Touristiker einbezogen worden seien, obwohl es um den wohl wichtigsten Landesradfernweg gehe. „Für Radtouristen ist dies eine Zumutung, denn für sie ist der Weg das Ziel und zusammen mit tausenden Autos und Lkw durch Stuttgart zu fahren kann wohl kaum als Urlaubstraum eines Radreisenden bezeichnet werden.“, Zühlke gegenüber der Eßlinger Zeitung wörtlich.

Auch wenn die Meinung der ADFC-Landesvorsitzenden zu Recht auf durchaus vorhandene Schwachstellen abzielt, so verwundert die per se ablehnende Haltung vor dem Hintergrund ihrer Argumentation dennoch. Unbestritten sind die Otto-Hirsch-Brücken sowie die Hafenbahnstraße Magistralen des Schwerlastverkehrs. Das macht eine Radverkehrsführung auf und bisweilen inmitten der Straße sicherlich nicht gerade einfach. Gleichwohl kann und darf der Radtourismus nicht als Freibrief für den Erhalt des Status quo taugen, der die Rollenverteilung zwischen Auto- und Radfahrern geistig in den stadtplanerischen 1970ern zementiert. Die Formel muss umgekehrt lauten: Je mehr Radfahrer die neuen, für sie reservierten Streifen benutzen, umso präsenter sind sie, womit Radfahren wieder ein Stück alltäglicher wird. Das Statement von Frau Zühlke indes legt – vielleicht unbeabsichtigt – bedauerlicherweise vor allem ein Image nahe, das der ADFC ansonsten richtigerweise entschieden zu bekämpfen versucht. Nämlich das, dass der Drahtesel kein Spielzeug, sondern ein vollwertiges Verkehrsmittel ist, dem es als solches jedoch an entsprechenden Verkehrsflächen mangelt.

Der Vorstoß auf den Otto-Hirsch-Brücken ist in meinen Augen ergo begrüßenswert, zumal die Planer Sicherheitsaspekte sehr wohl berücksichtigt haben. Insbesondere ist die Abbiegespur in die Hafenbahnstraße zu loben, die Radfahrer sich vor den Autos einordnen lässt. In der Tat mögen die Platzverhältnisse in Anbetracht von Lkw und Bussen beengt wirken. Die offenkundig verfolgte Strategie dominanter und farblich hervorgehobener Radfahrstreifen dürfte das wiederum wettmachen. Was am Ende bleibt, ist (m)ein Appell an die verkehrspolitisch Verantwortlichen: Weiter so! Eine Verlängerung der Radfahrstreifen von der Hafenbahnstraße bis zum Hedelfinger Platz ist ein Muss und wäre bei gleichzeitigem Rückbau jeweils einer von vier Spuren ein Gewinn für Hedelfingen und Obertürkheim. cl

 

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Ein Gedanke zu “Für die einen ist es Straßenmalerei, für die anderen ein Radfahrstreifen

  1. Rad- und Schutzstreifen sind bei den Verkehrsplanern sehr beliebt, da sie sich mit minimalem Aufwand umsetzen lassen, dem Autoverkehr keinen Platz wegnehmen (zumindest im Falle des überfahrbaren Schutzstreifens) und durch die bessere Sichtbarkeit der Radfahrer im Fahrbahnverkehr zur Verkehrssicherheit beitragen.
    Größter Schwachpunkt dieser Radverkehrsanlagen ist (neben dem Problem des Zuparkens, das sich bei dieser Anlage auf einer Brücke nicht stellen sollte) das subjektive Sicherheitsgefühl der Radfahrenden. Der ohnehin den Fahrbahnverkehr gewohnte Alltagspendler wird die Streifen dankbar annehmen, die den Großstadtverkehr noch ungewohnte Studentin oder der Ü60-Freizeit-Tourenradler wird vom ungeschützten Mitfahren auf der Fahrbahn eher abgeschreckt. Die von vielen Kommunen politisch gewollte Erhöhung des Radverkehrsanteils wird sich mit dieser Infrastruktur nicht oder nur in sehr geringem Umfang umsetzen lassen.

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