Achtung, Kampfradler – Ritzel statt Rußparktikel

Stuttgart – Seit nunmehr sechs Jahren bieten sie den Autofahrern in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg die Stirn, obgleich unter ihnen nicht wenige sogar selbst einen Pkw besitzen und auch nicht unbedingt missen wollen – den Autor eingeschlossen. Die Rede ist von der Critical Mass, der kritischen Masse, die – ganz wie in der Kernphysik – benötigt wird, um eine Kettenreaktion auszulösen.

Diese Kettenreaktion ist unermüdlichen Aktivisten wie Alban Manz zweifellos gelungen. Mit einer überschaubaren Anzahl von 21 Radfahrern hatte alles am 7. Mai 2010 begonnen. Geworden sind daraus in der Zwischenzeit bisweilen über 700. Der Terminus „Critical Mass“ könnte für die Aktion dabei nicht treffender gewählt sein. Denn wie ein kleines Atom unter vielen fühlt man sich, wenn man mit seinem Rad in der Masse fährt und die Masse das Territorium der Autos bezwingt. Für einen Moment wirkt es so, als wäre man imstande, die Welt anhalten zu können. Als wäre das Fahrrad die Stundenblume aus Michael Endes „Momo“, die einem die Zeit zurückschenkt, derer sich die grauen Herren von der Zeitsparkasse in ihren aschfahlen S-Klassen bemächtigt haben. Ein berauschendes Gefühl.

Dabei geht es den allermeisten gar nicht um den Kampf gegen das Auto. Auch nicht Rainer Dobrinkat. Der 54-jährige IT-Manager ist spätestens seit der ARD-Reportage „Der Fahrradkrieg – Wem gehört die Stadt?“ eine prominente Größe unter den Pulkradlern. Auf Bitten seiner Frau hin, figürlich ihren alten Rainer wieder zurückhaben zu wollen, legte er sich Anfang des Jahres ein Pedelec zu und pendelt seither tagtäglich zwischen seiner Arbeit in Backnang und der Wohnung in Stuttgart. „Die Konfrontation zwischen Autofahrern und Fahrradfahrern, also dieses pro Fahrrad und contra Auto, ist mir eigentlich gar nicht so recht. Aber manchmal wird man da irgendwie so hineingezogen“, sagt Dobrinkat und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Es gibt mehrere solcher Eigendynamiken. Der juvenalisch gebrandmarkte „Kampfradler“ gehört auch dazu. Alban Manz hat dafür seine eigene, nicht von der Hand zu weisende Erklärung: „Es ist alles autogerecht und so aufbereitet, dass man da halt mehr oder weniger problemlos Auto fahren kann, aber diese ganzen Wege gibt es für Radfahrer eben nicht. Und man wird dann zwangsläufig zu so was wie einem Kampfradler, weil man sich einfach irgendwie durchfriemeln muss.“

In der Tat, durchfriemeln, das muss man sich selbst bei der Critical Mass. Bei derart vielen Radfahrern kann sogar einem autogerechten Österreichischen Platz die Puste ausgehen. Nicht auszudenken, wenn dieselbe Anzahl an Autos dort unterwegs ist. Aber auch Straßenbahnschienen bergen mit ihren Rillen Risiken. Umso wichtiger wäre es notabene, in Stuttgart ebenfalls an der Entwicklung velofreundlicher Tramgleise zu arbeiten. Ungeachtet dessen: Die Critical Mass macht Spaß, Lust auf mehr und sie ist, erst recht in einer dermaßen von Feinstaub sowie Verkehr belasteten Stadt wie Stuttgart dringend notwendig. Der monatliche Korso an jedem ersten Freitag setzt ein sichtbares Zeichen, das sich auf der einen Seite natürlich als Stau manifestiert. Aber erstens ist „der Stau sowieso immer da. Nur jetzt eben ein paar Stunden später“, wie Rainer Dobrinkat gewitzt lakonisch zuspitzt. Und zweitens bietet er die Aussicht auf eine sich zur Schau stellende Horde Radfahrer, denen die Stadt genauso wie den Autofahrern gehört. „Die Leute haben es einfach vergessen, wie praktisch das ist. Man muss es ihnen ständig zeigen und sagen, guck mal hier, die Lösung ist ganz einfach. Wenn ihr im Stau steht, nehmt das Fahrrad und fahrt am Stau vorbei“, sagt Alban Manz. „Und dank Pedelecs gibt es keine Ausreden mehr, auch nicht in Stuttgart“, ermuntert Rainer Dobrinkat, für den mittlerweile keine Strecke mehr zu hoch ist. „Mit dem Fahrrad lerne ich als gebürtiger Stuttgarter Seiten von der Stadt kennen, die ich zuvor noch nie gesehen habe.“ Für ihn wäre, um mehr Menschen auch in der schwäbischen Metropole zum Umstieg aufs Fahrrad zu bewegen, am Ende eigentlich alles so einfach: „Tempo 30 in der Stadt, das hätte Signalwirkung!“

Der Aktionismus steckt an. In Reutlingen steht am letzten Freitag, wie jeden Monat, die nächste Critical Mass bevor. cl

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3 Gedanken zu “Achtung, Kampfradler – Ritzel statt Rußparktikel

  1. Hallo cl, toll dass du dort so gut angekommen bist. Ich wünsche diesem Blog viel Erfolg und hoffe so manchen Beitrag in Zukunft aus Berlin beisteuern zu können.

    Viele Grüße,
    PS

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  2. Wie sollen denn „velofreundliche Tramgleise“ aussehen? In Amsterdam liegen im gesamten Innenstadtbereich Rillenschienen was bei einem Radverkehrsanteil um die 50% trotzdem keine massenhaften Stürze nach sich zieht. Autogerechte Straßenplanung und die Topografie dürften in der Schwabenmetropole vermutlich mehr potentielle Radfahrer abschrecken als die wenigen noch oberirdischen SSB-Strecken mit Rillenschienen.

    Aufgefallen ist mir an deinen Bilder der vergleichsweise hohe Anteil von Helmträgern. Ein Indiz für eine gefühlte Unsicherheit im Straßenverkehr?

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  3. Pingback: Stuttgarts Critical Mass: Ohne Gegner macht es keinen Spaß | shaRAD SPACE

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