Bike-sharing wie StadtRad auf Erfolgskurs – Neue Konzepte sind gefragt

Leihradsysteme erfreuen sich allerorts bei einer breiten Zielgruppe wachsender Beliebtheit.

Symbolfoto: Leihradsysteme erfreuen sich allerorts wachsender Beliebtheit. (Foto: Christian Linow)

Hamburg – Das Hamburger Leihradsystem StadtRad erfreut sich nicht nur kontinuierlich wachsender Beliebtheit, sondern gehört europaweit zu den erfolgreichsten Modellen dieser Art. In Deutschland ist das von DB Rent betriebene Bike-Sharing sogar Spitzenreiter.

Wie eine Schriftliche Kleine Anfrage der Abgeordneten Martina Koeppen, SPD, und Martin Bill, Grüne, ergab, steuert das in mittlerweile allen sieben Bezirken der Stadt präsente Verleihmodell mit knapp 1,5 Millionen Ausleihen im ersten Halbjahr 2016 auf einen neuen Rekord zu.

Dazu Martin Bill, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen Bürgerschaftsfraktion:

„Das StadtRad ist und bleibt eine Erfolgsgeschichte, auch 2016 dürfte wieder ein neues Rekord-Jahr werden. Die Hamburgerinnen und Hamburger fahren gerne Rad. Sie nutzen die roten Flitzer für kurze Wege von der Bahn zur Arbeit oder zum Einkaufen. Das StadtRad-System ist damit Sinnbild einer neuen Mobilitätskultur in Hamburg. Im letzten Jahr haben wir beschlossen, das Stadtrad-System noch einmal um 70 Stationen zu erweitern. Fast alle Stationen wurden mittlerweile gebaut. Die Zahlen belegen: Damit haben wir genau den Nerv der Stadt getroffen.“

Aktuell sind beim StadtRad 355.373 Kunden registriert. Im Juni 2016 kamen noch mal 10.335 Neuanmeldungen hinzu. Auf das gesamte Jahr 2015 bezogen belief sich die Zahl der Ausleihen auf exakt 2.531.000. Durchschnittlich wurden werktags 378.000 StadtRäder ausgeliehen, mit einer gemittelten Entleihdauer von knapp 26 Minuten. Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet an Wochenenden diese Zahl mit 322.000 pro Tag unter dem wöchentlichen Wert liegt, die durchschnittliche Fahrdauer jedoch auf 34,5 Minuten ansteigt. Das zeigt, wie gut das System von Pendlern angenommen wird und demonstriert, dass das Fahrrad nicht erst seit gestern ein wichtiger Bestandteil in der Kette aller öffentlichen Verkehrsmittel ist.

In diesem Zusammenhang aber wird noch etwas anderes deutlich: Allein der Ausbau solcher Bike-sharing-Modelle für sich genommen genügt – erst recht in Zeiten der Vernetzung – schon lange nicht mehr. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Denn gerade für junge Menschen ist Mobilität weniger mit Ideologie besetzt als vielmehr ein auf selbstverständliche Weise pragmatisch gedachtes Alltagsbedürfnis. U-Bahn, Bus, Taxi, Fahrrad oder Carsharing werden von ihnen operativ und situativ gleichrangig eingesetzt. Das tarifliche Angebotsspektrum hinkt dieser Entwicklung indes hinterher. Woran es mangelt, sind beispielsweise fehlende interagierende und miteinander verwobene Tickets, die einen multimodalen Reiseweg abbilden. Die ausgerechnet aus dem Hause des Automobilherstellers Daimler heraus entwickelte und vertriebene App moovel zielt in diese Richtung ab. Der Weg von A nach B wird im Vergleich mit ÖPNV, Taxi (mytaxi – ebenfalls von Daimler) und dem konzerneigenen Carsharing namens car2go dargestellt. Auch die Bezahlung ist, soweit die jeweiligen Verkehrsverbünde kooperieren, hierüber geschlossen möglich.

Geschickt sichert sich der schwäbische Autogigant, der in Zeiten eines bei der jungen Generation sinkenden Interesses am eigenen Vehikel wortwörtlich auch um das Sinken seines Sterns fürchten muss, ein Monopol und betreibt damit interaktive Werbung für seine Marke. Gewissermaßen ein „Überzeugen durch Erfahren“, man könnte es ebenso gut anfixen nennen. Das wiederum hat der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, Dr. Dieter Zetsche, in einem Interview bei der Konferenz re:publica 2013 unumwunden eingeräumt. Ihm zufolge hätte man im Zuge eines Evaluationsprozesses festgestellt, dass 50% der Nutzerinnen und Nutzer von car2go sagen würden: „Wow, zum ersten Mal jetzt wirklich selbst Smart gefahren, ist ja klasse – ich kaufe mir jetzt auch einen.“ Dabei hat Dr. Zetsche ganz klar den richtigen Riecher. Konsequent folgert er, es gehe vor dem Hintergrund einer möglichen Substitution des ÖPNV durch car2go nicht notwendigerweise um ein Entweder-oder, sondern eher um eine Ergänzung, die zwischen den Modalitäten stattfinde.

Und an genau dieser Denke, alle Verkehrsmittel miteinander verquickt als ein Ganzes zu betrachten, fehlt es sowohl bei den politischen Akteuren als auch bei den Verantwortlichen der Aufgabenträger, der Verkehrsverbünde und ihren Dienstleistern. Dort empfindet man sogar Fußgänger und Radfahrer als Rivalen. Ein Zitat aus dem Jahre 2011 von Petra Reetz, Pressesprecherin bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), gegenüber dem Tagesspiegel hat Symbolcharakter:„Die größte Konkurrenz der BVG ist schon lange nicht mehr das Auto, sondern das Fahrrad.“

An dieser Haltung muss sich zwingend etwas ändern. Leihradsystemen gehört nicht bloß auf der Straße, sondern auch bei den ÖPNV-Aufgabenträgern der ihnen gebührende Platz zugestanden. Als Teil des Umweltverbundes haben sie im Interesse ihrer Nutzerinnen und Nutzer das Recht darauf, zusammen mit ihren Mitspielern in der Liga ecomobility harmonisch auf Linie gebracht zu werden.

Solange jedoch zuständige Politiker im Bike-sharing vor allem einen Kostenfaktor sehen, wird die Diskussion wohl noch einige Zeit geführt werden müssen, ehe sich in Sachen ökologische Verkehrswende sichtbar etwas bewegt. Selbst das im höchsten Maße erfolgreiche Hamburger StadtRad war in der jüngsten Vergangenheit leider nicht von Gedankenspielen zur Kostenreduktion ausgenommen. Frank Horch, Wirtschaftssenator in der Elbmetropole, ließ dem Hamburger Wochenblatt gegenüber im Mai durchblicken: „Wir bieten Tag und Nacht perfekten Service und exzellente Räder, derzeit für die Nutzer praktisch zum Nulltarif. Ich könnte mir vorstellen, dass wir bei der kommenden Neuausschreibung auch finanzielle Überlegungen anstellen, ohne die Attraktivität des Systems infrage zu stellen.“ cl

Das ganze Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden der Daimler AG, Dr. Dieter Zetsche, auf der re:publica 2013:

Advertisements

4 Gedanken zu “Bike-sharing wie StadtRad auf Erfolgskurs – Neue Konzepte sind gefragt

  1. Zu allen erfolgreichen Systemen gehört, dass die ersten 30 Minuten gratis sind Und was passiert in Berlin? Keine Pedelecs, keine 30 Freiminuten, Beschränkung im Groben auf den Ring. Für mich geht die mit grosem Paukenschlag abgeschlossene Ausschreibung mit bedrohlichen Vorzeichen in die Zukunft.

    Moovel hin oder her. Wir brauchen keine App die beide Systeme in einer App abbilden kann, die Verbünde müssen das Leihradsystem wie ein eigenes öffentliches Verkehrsmittel in den Tarif integrieren. Meinetwegen auch mit nachlaufender Einnahmeaufteilung.

    Gefällt mir

  2. Pingback: Berlin wählt Fahrrad – 16. Kreisfahrt vor Abgeordnetenhauswahlen | shaRAD SPACE

  3. Pingback: StadtRAD: Von Langenhorn bis Harburg auf der Zielgeraden | shaRAD SPACE

  4. Pingback: ADFC-Herbstempfang: Radfahren nicht fördern, sondern aufhören mit Verhindern | shaRAD SPACE

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s