Fahrradladen 1.0 – Das Serviceproblem

Kolumne von Patrick Schardien

Stellen Sie sich vor, ihr Fahrrad hat eine Reparatur nötig. Gut, sie können noch eine Weile damit fahren. Aber irgendwann müssen mal wieder die Kette gewechselt, das Laufrad zentriert oder die Bremsen fachmännisch eingestellt werden. Zugleich nutzen Sie das Fahrrad für den täglichen Weg zur Arbeit. Wäre es nicht praktisch, es in der Nähe der Arbeitsstätte in einem Fahrradladen abzugeben und nach der Arbeit wieder abzuholen? Ja, das wäre es. Nur gibt es da ein entscheidendes Problem: Die Fahrradläden.

Die Fahrradläden haben in Berlin – selbst in so einem Bezirk mit sehr starkem Radverkehrsaufkommen wie Kreuzberg – erst ab 10.00 Uhr, einige sogar erst ab 11.00 Uhr geöffnet. Bei den Ladenschlusszeiten sieht es nicht besser aus. Ab 18.00 Uhr lässt ca. die Hälfte schon ihre Rollläden runter. Um einen zu finden, der länger als 19.00 Uhr öffnet, muss man schon wirklich Glück haben.

Es kam schon vor, dass ich mir in der Not damit behalf, mein Fahrrad am Laden mit einem Zahlenschloss abzuschließen, um dann von der Arbeit aus anzurufen. Das funktionierte tatsächlich, doch gibt es neben den Öffnungszeiten mit der Werkstattkapazität eine weitere Hürde: „Sie möchten, dass wir Ihr Fahrrad reparieren? Aber da brauchen Sie einen Termin! Das geht frühestens in 2 Wochen.“

Was man sonst eher vom Facharzt kennt, ist bei Berliner Fahrradläden leider Realität. Fragt der Facharzt noch nach der Art der Krankenversicherung, so kommt eben beim Fahrradladen die Frage, ob man den Drahtesel vor Ort gekauft habe. Denn wenn nicht, und auch das habe ich schon zu hören bekommen, „sind wir für die nächsten Wochen bereits voll ausgelastet.“

Auch das Serviceangebot der Fahrradläden wirkt wie aus den 1990ern. Termine online buchen? Fehlanzeige! Prioritäre Reparatur gegen Expressaufschlag? Wird nicht angeboten. Da hilft nur Betteln am Telefon. Es würde mich nicht wundern – eigentlich hoffe ich es -, wenn demnächst ein Startup daraus eine Geschäftsidee entwickelt und schlicht eine Vemittlungsplattform aufbaut. Was bei Pizzalieferdiensten wie Lieferando und sogar in der Hemdenreinigungsbranche mit Zipjet funktioniert, kann genauso gut in der Fahrradbranche klappen. Arzttermine.de macht zum Beispiel vor, wie einfach man in einer übergeordneten Plattform den nächsten freien Termin in der Umgebung findet.

In meiner Wunschwelt kann ich bereits abends am heimischen Computer die Fahrradläden in der Nähe des Arbeitsplatzes sehen, kann mir angucken, welcher von ihnen morgen noch freie Kapazitäten hat. Der Fahrradladen meiner Wahl hat draußen zwei oder drei Boxen, worin der Kunde seinen kranken Drahtesel unterbringt. Der Laden kann, so er dann doch nicht „schon“ um 8.00 Uhr präsent ist, das Fahrrad entgegennehmen, den Kunden zurückrufen und fragen, welche Arbeiten er erledigt haben will, damit der es sich nach der Arbeit um 18:30 Uhr wieder abholt.

Vielleicht liest das ja hier ein Fahrradladenbesitzer und schreibt mir, was er von meiner Idee hält. Die wiederum darf gerne kopiert werden. ps

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Ein Gedanke zu “Fahrradladen 1.0 – Das Serviceproblem

  1. Vermutlich haben diese Fahrradreparatur-Werkstätten ausreichend Kunden, die nicht ganz so von oben herab (Du Dienstleister, mach mal, aber zackich!) einen Termin vereinbaren und so lang (wie ja anfangs erwähnt) durchaus noch ein paar Tage weiterfahren können. Bei so einem Tonfall / Anspruchsdenken eines „Neukunden“ hätte ich als Mechaniker evtl. sogar eine Liste mit anderen geeigneten Werkstätten vorrätig.

    Ich hab mir neulich erst das Tretlager wechseln lassen, hatte vorher ein gutes Gespräch mit dem Schrauber, der hat die benötigten Ersatzteile bestellt und sich dann für mein Radl die entsprechende Zeit genommen. Vormittags gebracht, am nächsten Morgen abgeholt.

    Die ganzen tollen Zusatzservice-Ideen bekommt man vermutlich bei den „Deutsche Bank“ artigen Reparaturannahme-Counter (mit Wasserspender) der Hipster-Bike-Shops gegen entsprechenden Aufschlag erfüllt. Viel Spass dabei.

    Übrigens: auch kleine Läden haben oft mal ein Ersatzrad, wenn man nett fragt.

    Und zum Tag „Servicewüste“, das würde ich komplett anders definieren. In dem Zusammenhang finde ich den Vergleich mit Lieferando schlimm, denn die kochen nix selbst, sondern bieten als Distributionslogistiker extrem fragwürdige Arbeitsverhältnisse und pressen mit ihrem Geschäftsmodell den Restaurants noch Provisionen ab.

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