Brandenburg stellt Radwege auf die Probe – und Berlin die Beziehungen

Potsdam – „Mit einem Anteil des Radverkehrs von 13% am Gesamtverkehrsaufkommen haben wir unter den Flächenländern einen guten Wert erreicht, den wir steigern wollen.“ Unter diesem Credo gab Verkehrsministerin Kathrin Schneider an der L 92 in Fahrland heute den Startschuss für die Zustandserfassung der Radwege an den Landesstraßen Brandenburgs. Zwischen 2013 und 2014 waren bereits die Bundesstraßen registriert worden.

Ministerin Schneider, die zu dem Termin standesgemäß mit dem Rad angereist war, betonte, dass der Radverkehr ein wichtiger Bestandteil ihrer Mobilitätsstrategie sei:

„Aber nur wenn die Radwege in gutem Zustand und sicher sind, werden wir mehr Menschen dazu bewegen können, mit dem Rad zu fahren. In diesem Jahr werden wir insgesamt 7 Mio. Euro für Neubau und Erhaltung von Radwegen an Bundes- und Landesstraßen einsetzen.“

Diese Mittel scheinen indes dringend benötigt. Obschon 80% der 964 km Radwege an Bundesstraßen in einem guten bis sehr guten Zustand sind, belaufen sich die Investitionen zum Beheben der festgestellten Mängel auf etwa 6,5 Mio. Euro, wie Edgar Fiedler, Leiter der Interministeriellen Arbeitsgruppe (kurz: IMAG) Radverkehr, zu berichten weiß. Nicht ganz die Hälfte der Summe resultiert alleine daraus, dass die Maßnahmen nicht partiell durchgeführt werden können, weil stets ein größeres Baufeld zuzüglich etwaiger Zufahrten vonnöten ist.

Pflaster ist mörderisch

Allemal ist die Inventarisierung der Radwege durch den Bauingenieur Stefan Oertelt eine technische Meisterleistung. Er selbst hat das Messrad entwickelt, konstruiert und im Laufe der Jahre immer weiter optimiert. Das handelsübliche Pedelec sorgt mithilfe des Elektromotors für eine gleichbleibende Geschwindigkeit von 25 km/h, während eine am Lenker montierte Kamera je gefahrenen Meter ein Bild vom Boden schießt und Sensoren die vertikale Schwingbeschleunigung aufzeichnen. Ihr schenkt Oertelt besondere Aufmerksamkeit. Er verweist auf Arbeitsmediziner, die bei dem Thema sensibilisiert aufhorchen, sowie die in Regelwerken einschlägig verankerten Tageshöchstdosen. Mit Kopfschütteln reagiert er daher auf gepflasterte Radwege. Die mögen zwar schön aussehen, die beste Qualität in puncto Laufruhe liefere aber Asphalt. Seine Messergebnisse decken sich hierbei gleichfalls mit seinen Beobachtungen. Während Rennradfahrer gewöhnlich separate Radwege mieden und die Straße präferierten, sei es auf den Flaeming-Skates genau umgekehrt. Ein anderes Beispiel erzählt von einer älteren Dame, die auf einem an sich exzellent asphaltierten Radweg im Zentrum Potsdams unterwegs gewesen sei. Einziges Manko: Jede querende Ausfahrt habe das Dahingleiten ob Kopfsteinpflaster jäh unterbrochen und die Einkäufe der Frau aus ihrem Korb herauskatapultiert. Mit entrüsteter Stimme fragt Oertelt: „Wer macht so was?!“ Und er konstatiert kühl: „Pflaster ist mörderisch. Nach zwei bis drei Stunden schlafen ihnen die Hände ein.“

Schließlich ist der Bauingenieur vom Ammersee ein Profi. Seit den 1990ern befasst er sich mit der Zustandserfassung von Straßen sowie Radwegen und hat in der Vergangenheit schon zahlreiche Bundesländer beradelt. Von vornherein habe bei seinem Messrad Low-Cost im Vordergrund gestanden, um den Kommunen die Investitionen darin zu erleichtern. Auf 500,- Euro taxiert er den Wert seiner Instrumente, die er mit Materialien aus dem Baumarkt am Fahrrad fixiert hat. Nach einem 100 km langen Pilotversuch in Schleswig-Holstein war Oertelt letztes Jahr in Rheinland-Pfalz auf Achse. Dort vermaß er auf einer Länge von 900 km die touristisch relevanten Strecken entlang der Flüsse. Demgegenüber, so Oertelt, stehe Brandenburg qualitativ deutlich besser da. In Rheinland-Pfalz seien mitunter Strecken als Radwege ausgewiesen, auf denen bloßer Eisenbahnschotter liege. „Da können sie gleich absteigen vom Rad. Mit Fahren ist da nichts.“

Berlin macht seinen eigenen Stiefel

Generell wirkt die Landespolitik sehr bemüht beim Thema Fahrradverkehr. Der insgesamt durchweg gute Zustand der Radwege ist sicherlich nur ein Beispiel. Immerhin wurden entlang der Bundesstraßen lediglich 12% als schlecht bis sehr schlecht bewertet. Derweil umfasst das touristisch vermarktete Netz der Fernradrouten laut Landes-Fahrradbericht 7.000 km, womit Brandenburg im Vergleich zu anderen Bundesländern Radfahrenden sehr gute Bedingungen liefert.

Edgar Fiedler gibt sich ebenso zuversichtlich und meint, dass man im Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung neben der Erhaltung dank Radverkehrsstrategien natürlich auch den Neubau auf der Agenda habe. Dennoch erleidet die Stimmung bei aller Euphorie spätestens dann einen empfindlichen Dämpfer, wenn Berlin zur Sprache kommt. Eine Kooperation mit dem Nachbarn wäre vor dem Hintergrund der jüngsten Vorstöße zu einem Radschnellweg zwischen der Bundeshauptstadt und Potsdam sicherlich richtig. Doch weit gefehlt. Um die Kontakte mit Berlin scheint es nicht ganz so gut bestellt. „Die wollen ihren eigenen Stiefel machen“, bilanziert Fiedler mit leicht resignativem Timbre. cl

Die Zustandserfassung der Radwege an Bundesstraßen 2013/2014 hatte folgendes Ergebnis:

 

  • sehr gut (< 1,5)                                          = 60   %
  • gut (1,5 bis < 2,5)                                      = 20,2 %
  • ausreichend (2,5 bis < 3,5)                    =  8,1  %
  • schlecht (3,5 bis < 4,5)                           =  4,9  %
  • sehr schlecht (4,5 und schlechter)    =  6,8  %

 

Radwegenetz

 

  • Länge der Radwege an Bundesstraßen:                   964 km
  • Länge der Radwege an Landesstraßen:                 1.037 km
  • Länge der Radwege an Kreisstraßen:                        334 km

 

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