Klosterstern: Abseits der Straße und abseits der Regeln

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Gemäß der zur Straßenverkehrsordnung dazugehörigen Verwaltungsvorschrift eigentlich nicht zulässig: Radfahrstreifen innerhalb eines Kreisverkehrs. Am Klosterstern werden sie jetzt entstehen. Quelle/Rechte: Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation

Hamburg – Ab kommenden Dienstag beginnt in Harvestehude der in acht Phasen unterteilte umfangreiche Umbau des Klostersterns. Bis Ende Oktober 2017 sollen die 4,8 Millionen Euro teuren Arbeiten des Landesbetriebs Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) andauern, werden aber vor dem Hintergrund der Weihnachtseinkäufe zwischen November und Mitte Januar ausgesetzt. Anlass für die Neugestaltung ist der barrierefreie Ausbau des gleichnamigen U-Bahnhofs. Da ein Aufzug wegen der Lage des unterirdischen Bahnsteiges nur im Bereich des vorhandenen südlichen Zebrastreifens an der Kreuzung Eppendorfer Baum / Ecke Klosterstern errichtet werden kann, ist eine Neuordnung der Flächen unumgänglich.

Gleichzeitig nutzt der LSBG die Gelegenheit, parallel dazu die in die Jahre gekommenen Fahrbahnen im Eppendorfer Baum, im Klosterstern und in der Rothenbaumchaussee zu sanieren. Mit der Maßnahme einher geht ebenfalls die Modernisierung der angrenzenden Gehwege, Parkplätze sowie Fahrradstellplätze und eine Revitalisierung der Baumstandorte. Mit Bänken, einer ansprechenden Bepflanzung und einer modernen Beleuchtung möchte der LSBG die Aufenthaltsqualität im Eppendorfer Baum stärken und damit zum Verweilen einladen. Ferner sollen ca. 250 Stellplätze für Fahrräder geschaffen (an Bügeln und in Boxen, einschließlich Bike + Ride, Eppendorfer Baum und Klosterstern) und eine StadtRad-Station in der Nähe des neuen Aufzuges errichtet werden.

Der jetzt anstehende Umbau ist Resultat eines zähen Ringens um eine einvernehmliche Lösung zwischen allen Beteiligten, in dessen Verlauf die Stadt sogar einen Mediator eingeschaltet hatte. Rund eineinhalb Jahre bekämpften Anwohner und Gewerbetreibende die Pläne des Senats. Kopf des Protests war die Bürgerinitiative „Hände weg vom Klosterstern!“, was man auch auf die Art hätte übersetzen können: Alles soll so bleiben, wie es ist.

Größter Knackpunkt waren die Parkplätze im Kreiselinnern des Klostersterns, die nach den ursprünglichen Vorstellungen des Senats eigentlich hätten zu einem Großteil entfallen sollen. Am Ende aber gab die Politik klein bei. Die Reduzierung der Parkhäfen von 90 auf 37 wurde gekippt, der Status quo bleibt erhalten.

Das ärgert auch Dirk Lau vom ADFC Hamburg. Der Sprecher des Fahrradclubs beklagt gegenüber shaRAD Space:

„Wir sehen es als kritisch an, dass die Stadt ein weiteres Mal den Protesten einiger Wutbürger und autofahrender Anlieger nachgegeben hat und die Kfz-Stellplätze im inneren Kreisel nicht neu sortiert hat. Der Erhalt und Schutz der Bäume, immerhin eine zentrale Forderung aus dem Bürgerbeteiligungsverfahren, wird somit weiterhin durch illegale Kampfparker gefährdet.“

Genauso wenig Jubel löst die im selben Atemzug konzipierte Restrukturierung des Radverkehrs aus. Auf 600 Metern Länge entstehen im Eppendorfer Baum und auf 150 Metern Länge in der Rothenbaumchaussee beidseitige Radfahrstreifen, die innerhalb des Kreisverkehrs mit einer durchgehenden Breite von zwei Metern zuzüglich eines Sicherheitsstreifens von 65 Zentimetern fortgeführt und durch einen drei Zentimeter hohen Bord abgetrennt werden. Zwar bringe der jetzt geplante Radfahrstreifen innerhalb des Kreisels eine Verbesserung gegenüber dem alten, lächerlich schmalen und gefährlichen Zwangsradweg auf dem Bürgersteig, wie Lau sagt.

 „Aber ein Kreisverkehr hat seine eigenen Gesetze und beinhaltet einige Unbekannte – auch typische Gefahrenlagen.“

Damit hat er sicherlich Recht. Ebenfalls nicht von der Hand zu weisen sind seine Bedenken darüber, dass Radverkehrsanlagen innerhalb von Kreisverkehren umstritten, strenggenommen nach der zur Straßenverkehrsordnung dazugehörigen Verwaltungsvorschrift sogar unzulässig sind.

Für den smarten Interessenvertreter Dirk Lau „ist es nicht verständlich, warum die Radfahrer*innen nicht einfach auf der Fahrbahn geführt werden.“ Er vermutet, die Stadt wolle dem subjektiven Sicherheitsempfinden vieler Radfahrender Rechnung tragen, statt zum Beispiel Tempo 30 anzuordnen und den Autoverkehr weiter einzuschränken. Aus Sicht des ADFC ist die Debatte somit keineswegs beendet, wie Lau deutlich zu verstehen gibt:

„Lange Rede, kurzer Sinn: Wir fordern ein Sicherheitsaudit begleitend zu der neuen Verkehrsführung.“

cl

 

Geisel wehrt sich gegen Vorwürfe vom Volksentscheid Fahrrad

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Sit-in von Aktivisten des Volksentscheid Fahrrad auf der Kaiser-Wilhelm-Strasse in Lankwitz anlässlich eines tödlichen Fahrradunfalls am 23.8.2016. Foto/Rechte: Volksentscheid Fahrrad/Norbert Michalke

Berlin – Verkehrssenator Andreas Geisel hat die gegen ihn erhobenen Vorwürfe, seine Verwaltung habe die Gesetzesvorschläge des Volksentscheids Fahrrad vorsätzlich verschleppt, heute in aller Deutlichkeit zurückgewiesen. Laut Geisel habe man sehr früh das Gespräch mit den Initiatoren des Volksentscheids gesucht, um Gemeinsamkeiten auszuloten.

Die Initiative „Volksentscheid Fahrrad“ vom Netzwerk Lebenswerte Stadt e. V. hatte am 16. September erklärt, dass der noch amtierende Senat aus SPD und CDU ihre Belange und die ihrer über 100.000 Unterstützer nicht ernst nehme.

„Dieser SPD-CDU-Senat zeigt, dass er kein Interesse an einer ernsthaften Förderung des Radverkehrs hat“, so Denis Petri von der Initiative Volksentscheid Fahrrad, der die Sammlung der 100.000 Unterschriften vorbereitet hatte. Seine Kritik: „Wieder missachtet der Senat den Bürgerwillen und hält an seiner altbackenen Verkehrspolitik fest.“

Senator Geisel will das nicht auf sich sitzenlassen und verweist auf die Verdreifachung der Mittel zur Verbesserung der Radinfrastruktur unter seiner Regie. Die Aufstockung auf 45 Millionen Euro jährlich als Untätigkeit zu diffamieren, wie es der Volksentscheid Fahrrad tue, werde der Sache nicht gerecht, so der Senator.

Ganz anders sieht das Heinrich Strößenreuther von der Initiative Volksentscheid Fahrrad. Er hatte am 16. September proklamiert: „Das von uns vorgelegte Radverkehrsgesetz kann man innerhalb von sechs bis acht Wochen prüfen. Wenn es den politischen Willen gäbe, hätten wir längst ein Prüfungsergebnis in der Hand. So müssen die Berliner, die sicher und entspannt mit dem Fahrrad in ihrer Stadt unterwegs sein wollen, noch länger auf eine Lösung warten.“

Andreas Geisel widerspricht dieser Lesart fast etwas gleichmütig. Für ihn sei klar, dass man zweifellos über die Verteilung des öffentlichen Straßenraums verhandeln müsse. „Ich tue das gleichberechtigt mit den Autofahrern, Fußgängern, Radfahrern und Vertretern des ÖPNV.“ Die Reihenfolge mag Zufall sein, bemerkenswert ist sie dennoch. cl

Feinstaub: Porsche sieht sich in der Pflicht

Feinstaubalarm

Stuttgart will mit dem Feinstaubalarm weiterhin auf die Freiwilligkeit von Pendlern setzen. Unterstützung dafür kommt jetzt mit Porsche aus den Reihen der Automobilindustrie. Foto: Christian Linow

Stuttgart – Der Automobilhersteller Porsche will die Anstrengungen der Landeshauptstadt Stuttgart zur Luftreinhaltung unterstützen. Hierzu haben Oberbürgermeister Fritz Kuhn, der Vorstandsvorsitzende der Porsche AG, Oliver Blume, und der Konzernbetriebsratsvorsitzende der Porsche AG, Uwe Hück, heute ein eigenes Mobilitätskonzept im Rathaus vorgestellt. Mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen möchte der für seine Sportwagen bekannte Konzern einen Beitrag für eine zukunftsorientierte Mobilität leisten. Für den Vorstandsvorsitzenden Oliver Blume ist klar:

„Porsche steht für moderne Mobilitätskonzepte. Dazu gehören neben intelligenten Fahrzeugen Ideen für Mitarbeiter-Verkehrskonzepte an unseren Standorten. Das erfordert ein konstruktives Zusammenspiel mit den lokalen Behörden.“

Für manch einen, der im Namen Porsche sofort die Konnotation allen Feinstaubübels lokalisiert, mag das nicht zusammengehen wollen. Gleichwohl hat Oberbürgermeister Fritz Kuhn Recht, zumindest aber nicht Unrecht damit, wenn er diagnostiziert, dass die Porsche AG einer der größten Arbeitgeber der Stadt und der Region ist. Umso wichtiger sei für ihn, dass sich nicht nur die Bürgerinnen und Bürger, sondern auch Unternehmen als Teil der Lösung sehen und sich beim Thema Luftreinhaltung engagieren.

Ganz gleich, ob man Porsche jetzt – so wie Kuhn – als Lösung oder andersrum als Problem begreift, begrüßenswert ist der Vorstoß allemal. Künftig nämlich ermöglicht der Zuffenhausener Automobilfabrikant seinen Beschäftigten, im Großraum Stuttgart bei Feinstaubalarm den Stuttgarter Verkehrs- und Tarifverbund mit dem Firmenausweis unentgeltlich zu nutzen. Beim Pendelverkehr zwischen dem Stammwerk Zuffenhausen und dem Außenstandort Weilimdorf gilt der Firmenausweis ebenfalls als VVS-Ticket. Darüber hinaus bezuschusst Porsche seit dem 1. September das VVS-Firmenticket dauerhaft mit zehn Prozent und wird in Kürze digitale Angebote wie Mitfahrer- und Parkplatz-Apps einführen.

Womit den Bemühungen keineswegs Grenzen gesetzt sind, wie Matthias Rauter shaRAD Space in einem persönlichen Gespräch wissen lässt. Er ist Porsches Pressesprecher für Personal und Nachhaltigkeit. Für ihn steht fest:

„Wir sehen uns in der Pflicht.“

Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, sei man beispielsweise bestrebt, die Wege zwischen den Werksteilen zu verkürzen. Überdies baue man derzeit auf eigene Kosten eine Unterführung der S-Bahngleise in der Nähe der Station Neuwirtshaus, die nächstes Jahr in Betrieb gehe. In gleicher Weise genießt das Fahrrad seinen Ausführungen zufolge einen hohen Stellenwert. Innerhalb der Produktionsstätten ist das Werksrad seit Langem Usus. Aber auch außerhalb des Firmengeländes wird kontinuierlich an Modellen gestrickt, die helfen sollen, den Verkehr rund um die Werke zu reduzieren.

Wie ernst es Porsche damit zu nehmen scheint, wird spätestens am Verkehrsbeauftragten des Konzerns deutlich. Ein solcher Ansprechpartner und Mobilitäts-Stratege – genauso für das Thema Fahrrad – ist keineswegs Standard.

Derlei korrespondiert allerdings mit der Auffassung von Konzernbetriebsratschef Uwe Hück, der heute betonte: „Wir schaffen Arbeitsplätze und sichern so Wohlstand für die Menschen und die Region und haben dadurch eine große Verantwortung. Innovative Produkte alleine reichen nicht, um unsere Luft sauber zu halten. Deshalb entwickeln wir als Betriebsrat Hand in Hand mit dem Arbeitgeber und der Stadt Angebote für unsere Mitarbeiter, die es attraktiv machen ohne Auto zur Arbeit zu kommen.“ Für alles andere dürfte tatsächlich zuallererst die Politik verantwortlich sein. cl

 

Der RS1: Jetzt wird in die Pedale getreten


Düsseldorf – Unter dem Motto „Jetzt treten wir gemeinsam in die Pedale“ haben Minister Michael Groschek und das nordrhein-westfälische Verkehrsministerium alle Verantwortlichen zu einer „Akteurskonferenz Radschnellweg 1“ an den Tisch geholt, um sie auf auf ein entschlossenes Vorgehen bei der Realisierung des RS1 einzuschwören. Mit dabei waren elf Kommunen, drei Bezirksregierungen, der Regionalverband Ruhr, der Landesbetrieb Straßenbau und Vertreter von Bundesverkehrs- und Bundesumweltministerium.

„Eine Blaupause für moderne Verkehrsinfrastruktur in Ballungsräumen“ könne der RS1 werden, war der einhellige Tenor. Themen waren die bevorstehenden Änderungen des Straßen- und Wegegesetzes NRW, Fragen der Finanzierung des RS1 und die positiven Folgen guter Radinfrastruktur für die Entwicklung der Innenstädte.

Verkehrsminister Michael Groschek erläuterte die Novellen im Straßen- und Wegegesetz, wonach die Landesregierung künftig Radschnellwege als neue Wegekategorie „Radschnellverbindungen des Landes“ einführen will. „Nordrhein-Westfalen ist damit Schrittmacher in Sachen Radverkehr. Die Gesetzesänderung trägt den veränderten Funktions- und Leistungsansprüchen des stetig wachsenden und dank Pedelecs beschleunigten Fahrradverkehrs Rechnung. Radschnellwege schaffen attraktive Verbindungen für einen gemeinde- bzw. kreisübergreifenden Alltags- und Pendlerverkehr, sie entlasten Straßen und ÖPNV, ihnen kommt eine den Landesstraßen vergleichbare regionale Verkehrsbedeutung zu. Das stellen wir jetzt auf eine klare rechtliche Grundlage“, sagte der Minister. Die Änderung des Gesetzes werde voraussichtlich im Oktober vom Landtag beschlossen, so Groschek.

Martin Tönnes vom Regionalverband Ruhr berichtete über den aktuellen Umsetzungsstand durch den Projektträger Regionalverband Ruhr. Bislang sind in den fertiggestellten etwa 10 km langen Abschnitt 31,4 Millionen Euro investiert worden. Er umfasst die bereits eröffneten Strecken 1 und 2 zwischen der Essener Universität und Mülheim an der Ruhr Hauptbahnhof, die drei Teilabschnitte 3 a,b,c , die von der Stadt Mülheim zurzeit gebaut werden und die 1,6 Millionen Euro schwere Brücke über den Berthold-Beitz-Boulevard in Essen. Letztere ist ein eminent wichtiger Mosaikstein in dem ambitionierten Projekt, für das insgesamt 183,7 Millionen Euro veranschlagt sind.

Der Berthold-Beitz-Boulevard. Ein kritischer Punkt, der die Radroute auch verkehrlich zerschneidet. Foto: Christian Linow

Der Berthold-Beitz-Boulevard. Ein kritischer Punkt, der die Radroute auch verkehrlich zerschneidet. Foto: Christian Linow

Elfriede Sauerwein-Braksiek, Direktorin des Landesbetriebs Straßenbau NRW, skizzierte die künftigen Planungen, die allesamt bei Straßen.NRW gebündelt werden. Auch künftig werde es ihr zufolge einen Finanzierungsmix aus den Radverkehrsfördermitteln des Landes, den Bundesprogrammen für Radwege an Bundesstraßen, aus Städtebaufördermitteln und regionaler Wirtschaftsförderung geben. Wenn der Landtag die Änderung des Straßen- und Wegegesetzes beschlossen habe, könne vor allem auch die Unterhaltung der Strecke aus Landesmitteln erfolgen. Gleichfalls rechne sie ab dem kommenden Jahr spätestens nach der Etatisierung mit einer erhöhten Bundesförderung. Das Bundesverkehrsministerium hatte einen neuen Haushaltsansatz im Zuge der Beratungen zum Bundesverkehrswegeplan zugesagt. Vorbehaltlich der Beschlussfassung im Bundestag soll im nächsten Bundeshaushalt eine Förderung von 25 Millionen Euro für Radschnellwege zur Verfügung stehen.

Insgesamt dürfte sich für den RS1 also eine hoffnungsvolle Zukunft abzeichnen, wie nicht zuletzt der neu aufgelegte Image-Film verdeutlicht. Sofern die in dem Clip akzentuierten Attribute wirklich in die Tat umgesetzt werden, erhalten Radfahrende endlich eine bundesweit einmalige Infrastruktur, die den Kampf mit dem Auto auf Augenhöhe aufnimmt. Oder wie es Verkehrsminister Groschek sagt:

„German Autobahn ist in der Welt ein Qualitätssiegel. Das soll der Rad-schnellweg 1 auch werden: Sicher, schnell und komfortabel.“

Am Ende appellierte er nochmals an die Teilnehmer der Akteurskonferenz eindringlich: „Neben dem Ausbau der Autobahnen und dem Gleisausbau für den RRX ist der RS 1 das Aufbruchssignal für neue Mobilität in der staugeplagten Region. Wir müssen jetzt mit Hochdruck am Ausbau der Strecke arbeiten. Denn sie hat Strahlkraft ins ganze Land.“ cl

Einen Erlebnisbericht über den RS1 finden Sie hier: Auf Gullivers Spuren an Rhein und Ruhr – Zwischen Radschnellweg und Parkplatzmangel

ADFC fordert Tempo 30 auf Hauptstraßen

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Symbolfoto: Nach der Novelle des Bundesrats fordert der ADFC eine rasche Umsetzung von mehr Tempo-30-Zonen auch an Hauptstraßen. Foto: Georg Sommer, ADFC Hamburg

Hamburg – Am letzten Freitag hat der Bundesrat einer Tempo-30-Novelle der Bundesregierung zugestimmt, wonach der bislang erforderliche Nachweis einer Gefahrenlage entfällt. Damit wird es zukünftig einfacher, eine Geschwindigkeitsreduzierung vor sozialen Einrichtungen wie Kitas, Schulen, Krankenhäusern und Altenheimen einzurichten.

Jens Deye vom ADFC Hamburg macht klar: „Insbesondere die Verkehrssicherheit für schwächere Verkehrsteilnehmer*innen lässt sich jetzt schnell und deutlich steigern.“ Mit der Einführung von Tempo 30 zu warten, bis es erst zu schweren Unfällen oder gar Toten komme, sei unverantwortlich und habe nach der Änderung der Straßenverkehrsordnung (StVO) auch keine rechtliche Basis mehr.

Deye beruft sich auf den Umweltausschuss des Bundesrats: „Eine Einführung von Tempo 30 auf örtlichen Hauptverkehrsstraßen wie der Max-Brauer-Allee, dem Eppendorfer Weg oder der Geog-Wilhelm-Straße sorgt auch für weniger Lärm und einen besseren Verkehrsfluss ohne Stop-and-go-Verkehre mit verminderten Schadstoffemissionen.“

Ohnehin sorgt gerade die Max-Brauer-Allee immer wieder für Zündstoff (shaRAD Space berichtete). Die Bewohnerinnen und Bewohner des angrenzenden Nyegaard-Stifts fordern seit Langem die Einrichtung von Tempo 30, waren jedoch bislang an den Formalitäten gescheitert. Ihren Antrag hatte die Polizei erst vor wenigen Wochen abgelehnt. Dank der Gesetzesänderung könnte sich jetzt dieser Umstand recht bald ändern.

Jens Deye hebt hervor, dass Geschwindigkeitsbegrenzungen generell ein wirksames Mittel zum Schutz der Wohn- und Arbeitsbevölkerung vor Lärm und Abgasen darstellen. Würde der Senat weiterhin in Sachen Lärm- und Abgasschutz untätig bleiben, seien Fahrverbote für Dieselfahrzeuge unumgänglich, glaubt er unter Berufung auf ein Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf von Anfang September. „Es ist zu erwarten, dass Gerichte auch in Hamburg ähnlich über verkehrsbeschränkende Maßnahmen entscheiden werden“, so Deye. „Eine konsequente und vorrangige Förderung des Radverkehrs wird dazu beitragen, Hamburgs Straßen von Lärm, Dreck und Stau durch den Autoverkehr zu entlasten und somit auch Fahrverbote für Dieselfahrzeuge zu verhindern.“ cl

Ein Tag ohne Auto ist ein Tag mit Vélib

Autofreier Tag? In Deutschland Fehlanzeige. In der französischen Hauptstadt gehörten die Straßen am vergangenen Sonntag dagegen ganz dem nichtmotorisierten Verkehr. Doch bei aller Autofreiheit bleibt ein ganz bestimmtes Auto unverzichtbar. Ein Bericht von Rainer Hübner

Die Wettervorhersage hatte Regen für den Nachmittag angekündigt. Doch schon in der Champagne verzogen sich die Wolken und der Himmel hellte auf. Bestes Spätsommerwetter begrüßte mich als ich auf den Bahnhofsvorplatz der Gare de l’Est in Paris trat. Und natürlich eine Reihe der kleinen grauen Fahrrädern, die in ihren bornettes, den Halterungen, an denen die Leihräder andocken, auf Kunden warten.

An Deutschland ist der autofreie Tag nahezu spurlos vorbeigegangen. In Paris fand er dagegen am gestrigen Sonntag zum zweiten Mal in Folge statt. 2015 zunächst im überschaubaren Rahmen einiger gesperrter Innenstadtstraßen gestartet, ist 2016 die gesamte Kernstadt mit 650km Straßen für den motorisierten Individualverkehr gesperrt. Ganz autofrei ist die Stadt nicht, denn mit maximal 20km/h dürfen Taxis, Busse, Liefer- und Einsatzfahrzeuge verkehren. Und natürlich die wichtigsten Autos des Tages – doch dazu später mehr.

Fast zwei Drittel der Pariser Haushalte leben autofrei. Da hat die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo und ihre rot-grüne Stadtregierung breite Rückendeckung für eine Verkehrspolitik, die den Autoverkehr immer stärker zugunsten von Fußgängern, Radfahrern und dem öffentlichen Verkehr zurückdrängt. Die Sperrung des Quai d’Orsay für den Autoverkehr und dessen Umwandlung in eine Fußgängerzone war eines der Leuchtturmprojekte für die Pariser Verkehrswende. Weitere Straßensperrungen und Tempo 30 als innerstädtische Regelgeschwindigkeit sollen folgen.

Ich prüfe Reifendruck und Bremse, ziehe meine Chipkarte über den Leser der bornette und schwinge mich aufs Vélib. Ich rolle hinunter zum Canal St. Martin. Unzählige Menschen haben sich an seinen Rändern niedergelassen, machen Picknick, unterhalten sich bei einem Schluck Rotwein oder liegen einfach nur in der Sonne. Die Fahrbahnen sind von Radfahrern, Inlineskatern, Fußgängern, Skateboardern und Tretrollerfahrern bevölkert. Kein ungewohnter Anblick, denn die Fahrbahnen entlang des Kanals sind in den Sommermonaten sonntags regelmäßig im Rahmen des Programms „Paris respire“ (Paris atmet auf) dem nichtmotorisierten Verkehr vorbehalten. Heute ziehen ganze Schwärme von radelnden Familien entlang des Kanals, an dem sich werktags die Autos stauen.

Dabei ist das Fahrrad in Paris noch nicht lange etabliert. Die überwiegend autofreien Pariser bevorzugen öffentliche Verkehrsmittel, die inzwischen auch oft am Limit fahren oder Scooter, die allgegenwärtigen Motorroller. Erst als Hidalgos Amtsvorgänger Bertrand Delanoë in Kooperation mit dem Stadtmöbelunternehmen JCDecaux 2007 des Fahrradverleihsystem Vélib aus der Taufe hob und die Stadt mit einem Netz von Radwegen überzog, setzte der Siegeszug der „kleinen Königin“ – wie die Franzosen das Fahrrad liebevoll nennen – ein. Inzwischen wird das Vélib von seinem Erfolg überrannt. Die 20.000 überall im Stadtgebiet verteilten Räder sind so nachgefragt, dass tagsüber die Stationen an den Stadträndern oft leer sind, während an den innerstädtischen keine Rückgabe der Räder möglich ist, da alle bornettes belegt sind. JCDecaux „shuttelt“ in diesem Fall die Räder mit speziellen Transportern zwischen den Stationen, um eine gleichmäßigere Auslastung zu erreichen. Der heutige „journée sans voiture“ treibt das Verleihsystem wieder einmal an seine Grenzen.

Der riesige ampelgeregelte Kreisverkehr am Place da la Bastille erfordert werktags von Radfahrern ein starkes Selbstbewusstsein. Heute dominieren die grauen Vélibs den Platz. Ich lasse mich am Rande des Port d’Arsenal nieder und beobachte das Treiben. Jugendliche üben mit ihren Tretrollern an den Stufen Sprünge. Ein Rennradfahrer behebt eine Reifenpanne. Das wichtigste Auto des Tages durchquert die Szenerie. Es ist der Vélib-Transporter, der an den überlasteten Stationen in der Innenstadt Fahrräder abholt und wieder an den Stadtrand bringt. Als ich am Seineufer weiterfahre, beobachte ich an der Vélib-Station Pont Marie ganze Schlangen von Vélib-Kunden, die auf eine Rücknahmemöglichkeit für ihre Räder warten. Denn das Tarifsystem des Vélib erfordert die Rückgabe der Räder nach 30 Minuten, ansonsten werden zusätzliche Gebühren fällig. Ob das heute immer klappen wird? Zum Glück ist der Transporter schon in Sichtweite.
Am Hôtel de Ville vorbei geht es über die Rue Rivoli gen Louvre. Hier müssen sich Radfahrer sonst die Busspur mit ganzen Buskonvois teilen- nicht immer angenehm. Doch diesmal ist genug Platz für Busse und Räder; sogar ein ganzes Rudel Inlineskater zieht auf der Fahrspur in Gegenrichtung vorbei. Vor dem Palais Royal fliegen die Fahrräder: Auf einer Halfpipe zeigen BMXer und Aggressive-Skater ihr Können.

Nach rechts biege ich in die Avenue de l’Opera ein. Was für ein Anblick! Ganz ohne die obligatorische Blechlawine liegt der breite Boulevard vor mir und ich kann ungehindert auf das prachtvolle Opernhaus zufahren, auf dessen Vorplatz Musiker, Artisten und zahllose Touristen versammelt sind. In einer Nebenstraße fällt mein Blick auf das Café Vélib EXKi. Das Café kooperiert mit dem Vélib-Betreiber und hat zum heutigen autofreien Tag Tische und Stühle auf die Fahrbahn gestellt. An der davorliegenden Station das gleiche Bild wie am Pont Marie – und an der Straßenecke parkt der heiß ersehnte Transporter, dessen Fahrer bereits emsig die überzähligen Vélibs auflädt.

Endspurt die Rue la Fayette hinauf. So leer habe ich die sonst chronisch staugeplagte Straße an einem Nachmittag noch nie erlebt. Der Verkehrsbetrieb RATP kann sich heute vermutlich über die beste Pünktlichkeitsrate seiner Busse des Jahres freuen, denn ansonsten sind die Busspuren regelmäßig von Taxis und Lieferfahrzeugen verstopft.
Zurück auf dem Bahnhofsvorplatz der Gare de l’Est herrscht in der Vélib-Station gähnende Leere. Alle bornettes sind frei. Als ich mein Rad zurückgebe und mir ein doppeltes Piepen die erfolgreiche Rückgabe bestätigt, steht schon ein junger Mann neben mir. „Ça marche bien?“ „Oui, ça fonçtionne“ entgegne ich, während er schon seine Chipkarte zieht und auf des jetzt einzige verfügbare Vélib steigt. Nun ist die Station wieder leer. Das wichtigste Auto des Tages wird am autofreien Tag noch viel zu tun haben. rh

Hätten Sie’s gewusst? Gestern war autofrei

FAHRT SMART

„FAHRT SMART“ lautet das Motto von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Am autofreien Tag galt das anscheinend nicht. Eigentlich sollte er mehr Aktionismus in Sachen Feinstaub zeigen. Foto: Christian Linow

Stuttgart/Berlin – Jedes Jahr am selben Tag ist es so weit: Deutschlands Straßen sind wie leer gefegt. Keine lärmenden Motore stören, dafür klingelt es hier und da inmitten der Scharen von Radfahrern, denen an diesem 22. September der Asphalt gehört. Bahnen und Busse legen eine Schaufel drauf, um dem Ansturm auf den ÖPNV gerecht zu werden. Wie, Sie haben nichts davon mitbekommen, als Sie gestern mit dem Auto zur Arbeit gefahren sind und wie jeden Tag im Stau standen? Sie haben von alledem nichts bemerkt, als Sie sich mit Ihrem Drahtesel an denselben Kreuzungen durch die gewohnten Metall-Lawinen schlängeln mussten?

Ja, das kann sein und könnte daran liegen, dass außer den Initiatoren eigentlich niemand so richtig von dem „Autofreien Tag“ etwas wusste. Einmal abgesehen von der Deutschen Bahn und dem Autovermieter Sixt. Beide hatten sich gestern auf Facebook einen humorvollen Schlagabtausch geliefert und damit auf den europäischen Tag zur motorisierten Vehikelabstinenz abgehoben, wie HORIZONT berichtet.

Ansonsten jedoch lautet die Antwort auf die Frage, ob es weniger Pkw gegeben habe, aus allen Lagern in etwa gleich. Weder beim ÖPNV noch auf der Straße waren spürbare Effekte feststellbar.

Markus Falkner, Pressesprecher der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), erklärte gestern auf Anfrage von shaRAD Space: „Wir haben und hatten heute bei U-Bahn, Bussen und Straßenbahn in Berlin normale Fahrgastzahlen für diese Jahreszeit und die gute Wetterlage. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen der vergangenen Jahre.“

Und eine Sprecherin der Polizei Frankfurt konstatiert, dass die Verkehrslage unverändert gewesen sei. Sie wolle aber die Recherche zum Anlass nehmen, den „Autofreien Tag“ vorausblickend auf das nächste Jahr zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen zu thematisieren.

Immerhin, denn ausgerechnet im von Feinstaub geplagten Stuttgart ist man, was diese Aktion anlangt, wesentlich distanzierter. Kurz und knapp heißt es von Sven Matis, dem Leiter der Pressestelle der Stadt Stuttgart:

„An diesem Tag hat sich die Landeshauptstadt nicht beteiligt.“

Das ist insofern bemerkenswert, als die schwäbische Metropole ansonsten recht gerne auf Freiwilligkeit setzt. Sie ist die erste Stadt in Deutschland, die in Abhängigkeit der Emissionswerte und der Witterungslage bisweilen Feinstaubalarm ausruft. Bislang ist der jedoch fakultativ, vielmehr ein mit massig Brimborium medienwirksam in Szene gesetzter Appell an die Bürgerinnen und Bürger, das Auto stehenzulassen. Vor wenigen Tagen noch ließ Oberbürgermeister Fritz Kuhn in diesem Zusammenhang verlauten:

„Auch in der neuen Feinstaubalarm-Saison setzen wir auf die Freiwilligkeit der Bevölkerung. Denn ich glaube daran, dass es besser ist auf Freiwilligkeit als auf Verbote zu setzen.“

Aber wäre denn so etwas wie der „Autofreie Tag“, der in Europa von verschiedenen Umweltverbänden und Kirchen initiiert und unterstützt wird, kein geeigneter Anlass, um eine Vekehrswende anzuschieben? cl

Neuer Radweg auf der Bansiner Promenade

Glawe – In Bansin, einem Ortsteil des Ostseebades Heringsdorf auf der Insel Usedom, wird derzeit die Strandpromenade als Teilabschnitt des Ostseeküsten Radweges verlängert. „Das Flanieren auf der beeindruckenden Promenade in Bansin wird zukünftig bequemer – nach Abschluss der Bauarbeiten erhalten Radfahrer und Fußgänger jeweils eine eigene Spur, so dass sich die Wege nicht mehr kreuzen“, sagte der Minister für Wirtschaft, Bau und Tourismus Harry Glawe in Schwerin.

Vorgesehen ist, von der See- und Bergstraße bis zur Zuwegung Sackkanal/Maxim-Gorki-Straße auf einer Länge von 670 Metern und einer Breite von drei Metern den Radweg auszubauen und entsprechend zu markieren. Die Strecke ist Bestandteil des Ostseeküsten Radweges. Der Ostseeküsten Radweg führt über 670 Kilometer von Lübeck-Travemünde aus entlang der Ostseeküste über Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald einschließlich der Umrundung der Insel Rügen bis nach Ahlbeck. „Der Ostseeküsten Radweg bietet sportlichen Urlaubern eine gute Möglichkeit, Mecklenburg-Vorpommern von der Küste aus zu entdecken. Die Strecke führt entlang der Hansestädte, der Seebäder, unseren Inseln bis hin zur beeindruckenden Bäderarchitektur in den Ostseebädern“, sagte Glawe.

Die Gesamtinvestitionen für den Radweg betragen knapp 810.000 Euro. Das Wirtschaftsministerium unterstützt das Vorhaben in Höhe von rund 401.000 Euro aus Mitteln aus der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW).

Fahrradwege in Mecklenburg-Vorpommern
In Mecklenburg-Vorpommern stehen neun Radfernwege mit etwa 2.300 Kilometern Länge sowie 21 Rundrouten zwischen 100 und 400 Kilometern Länge zur Verfügung. Insgesamt können die Radfahrer im Nordosten rund 5.100 Kilometer touristisch ausgeschilderte Radrouten und 1.900 Kilometer straßenbegleitende Radwege des überörtlichen Verkehrs nutzen. Pressemitteilung Ministerium für Wirtschaft, Bau und Tourismus

ADFC-Herbstempfang: Radfahren nicht fördern, sondern aufhören mit Verhindern

21.09.2016. Berlin.Vertretung des Landes Baden-WŸrttemberg beim Bund.Herbstempfang des ADFC Bundesverbandes.

"MobilitŠt 4.0 und die Zukunft des Fahrrades"

Der ADFC lud gestern zum Parlamentarischen Herbstempfang. Leitthema war „Mobilität 4.0“. Burkhard Stork, Ulrich Syberg, Dr. Anton Hofreiter, Norbert Barthle, Ludger Koopmann (v.l.n.r.) Quelle/Rechte: Bolesch, ADFC

Berlin – Im Rahmen einer ganzen Reihe von politischen Veranstaltungen hat der Bundesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (kurz: ADFC) gestern zu einem „Parlamentarischen Herbstempfang“ in die Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund geladen. Unter den rund 200 prominenten Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Fahrradwirtschaft waren Persönlichkeiten wie der Grünen-Fraktionsvorsitzende Dr. Anton Hofreiter, der Nextbike-Geschäftsführer Ralf Kalupner oder der BICO-Geschäftsführer Jörg Müsse, die darüber hinaus als Gastredner empfangen wurden.

Den Auftakt des Abends, der sich um das Thema Mobilität 4.0 drehte, machte der Parlamentarische Staatssekretär Norbert Barthle. Er vertrat Alexander Dobrindt, der wegen der anstehenden G7-Verkehrsministerkonferenz in Tokio kurzfristig abgesagt hatte. Barthle hob vor allem die Novelle des Bundesverkehrswegeplans hervor, der fortan die Förderung von Radverkehrswegen vorsieht (shaRAD Space berichtete). Damit setze das Bundesverkehrsministerium ein deutliches Zeichen, dass ihm der Radverkehr „wichtig ist und zukünftig noch wichtiger sein wird, als er es jetzt schon ist.“ Ebenfalls rief der Staatssekretär dazu mahnend auf, auch die für den Radwegebau vonseiten des Bundes zur Verfügung stehenden Entflechtungsmittel abzurufen, was bis dato nicht vollumfänglich geschehe.

Die grundsätzliche Programmatik dürfte mit Sicherheit auch Dr. Anton Hofreiters Vorstellungen entsprechen, der in seinen Ausführungen die spannenden Entwicklungen im Bereich der Fahrradindustrie herausstrich. Dank Pedelecs und Lastenrädern sehe er technologische Durchbrüche, bei denen das Fahrrad eine Schlüsselrolle für nachhaltige Mobilität einnehme. Denn allen Entwicklungen zum Trotz gebe es beim Auto ein unüberwindbares Problem:

„Was wir nicht lösen können: Das ist schlichtweg das Platzproblem. Die Autos, und wenn sie noch so elektromobil sind, wenn sie noch so emissionsfrei sind, wenn sie noch so leise sind und wenn sie noch so unfallvermeidend sind, sie brauchen extrem viel Platz.“

Für Hofreiter ist unmissverständlich klar, dass europäische Städte mit all ihren Begegnungsräumen und der platzfressende motorisierte Individualverkehr nicht zusammenpassen.

21.09.2016. Berlin.Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund.Herbstempfang des ADFC Bundesverbandes.

"Mobilität 4.0 und die Zukunft des Fahrrades"

Die An- und Abreise erfolgte standesgemäß mit dem Fahrrad. Nextbike nutzte die Gelegenheit zur Demonstration der neuen Velos, die künftig Berlins Stadtbild entscheiden mitbestimmen werden. Das Leipziger Unternehmen konnte die Ausschreibung für sich entscheiden. Quelle/Rechte: Bolesch, ADFC

Und die Erfolge des Bike-Sharings stützen Hofreiters These. Davon weiß auch Ralf Kalupner eine Menge zu berichten. Er ist der Geschäftsführer und Gründer der nextbike GmbH, einem international tätigen Fahrradverleiher, der in vielen Regionen längst zum Stadtbild gehört und jüngst die Ausschreibung des Bike-Sharing-Systems in Berlin für sich entscheiden konnte. Das Leipziger Unternehmen wurde im Jahre 2004 aus der Taufe gehoben und betreibt von den insgesamt rund eine Millionen Mieträdern weltweit ca. 35.000 an über 45 Standorten in Deutschland sowie in weiteren 17 Ländern der Erde. Der Weg dahin aber sei hart gewesen, sagte Kalupner in seiner Ansprache. Vor allem war es die Finanzierung, die anfangs immer wieder auf wackeligen Beinen gestanden hatte.

21.09.2016. Berlin.Vertretung des Landes Baden-WŸrttemberg beim Bund.Herbstempfang des ADFC Bundesverbandes.

"MobilitŠt 4.0 und die Zukunft des Fahrrades"

Der Weg zum Erfolg war hart. Für den Nextbike-Gründer Ralf Kalupner hat er sich dennoch gelohnt. Mit über 35.000 Fahrrädern ist er in 18 Ländern auf der Welt mit seinen Mieträdern vertreten. Quelle/Rechte: Bolesch, ADFC

Ein Problem, das sich wie ein roter Faden durch nahezu alle Startups zieht. Und dennoch ist der Erfindergeist glücklicherweise ungebrochen, wie der gestrige Abend anschaulich demonstrierte.

Von Mihai Ghetes Routing- und Sharing-App Odun Bike über das Cargo-Pedelec der Velogista GmbH – mit der das Unternehmen sogar kleine Umzüge realisiert – bis hin zu dem handygesteuerten Fahrradschloss aus dem Hause i Lock it oder Andreas Gahlerts COBI – eine App, die Navigation, digitale Klingel, Licht und Telefon am Lenker vereint – wurde das breite Innovationsspektrum zur Schau gestellt.

Schließlich präsentierte Dr. Andreas Helferich von highQ die Mobilitätskarte „polygo – Alles auf einer Karte“. Sie ersetzt im Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart sukzessive den klassischen Verbundpass gegen ein elektronisches Ticket. Etwa 250.000 Menschen sind einstweilen im Raum Stuttgart mit dem Fahrtausweis in Scheckkartengröße unterwegs, mit dem sie den ÖPNV benutzen, aber auch Fahrräder, Autos oder Bücher ausleihen und bezahlen können. Gänzlich unumstritten ist der Tausendsassa übrigens nicht. Immer wieder wurde der Vorwurf laut, dass anhand der Daten auf der Karte mittels gängiger Apps und NFC-fähiger Smartphones Bewegungsprofile durch jedermann abgerufen werden könnten.

Davon losgelöst stellte sich der illustren Runde die Frage, was politisch unternommen werden muss, um Existenzgründern in der Velobranche und dem Radverkehr im Allgemeinen zu helfen. Jörg Müsse vom Händlernetzwerk BICO brachte es von einem frenetischen Beifall begleitet auf den Punkt:

„Die Politik muss Radfahren nicht fördern, sie muss aufhören es zu verhindern.“

Der Weg dahin scheint zumindest geebnet und die Zeichen stehen gut, sodass es nicht mal dem stellvertretenden ADFC-Bundesvorsitzenden Ludger Koopmann schwerfiel, am Ende Optimismus zu verbreiten: „Wir haben erreicht, dass das Fahrrad – anders noch als vor 10 Jahren – als Verkehrsmittel ernst genommen wird.“ cl

Berlins Radzählstellen jetzt auch online abrufbar

Radzählstelle

Radzählstellen wie diese erfassen nicht nur den Verkehr. Sie sind zugleich ein guter Motivationsfaktor, um mehr Menschen aufs Rad zu bringen. Foto: Christian Linow

Berlin – Seit 2015 wird in Berlin der Radverkehr nicht mehr ausschließlich manuell, sondern ebenfalls mithilfe spezieller automatischer Zählstellen erfasst. Ab sofort können die tagesaktuellen Werte jetzt auch online auf den Internetseiten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt abgerufen werden. „Das Interesse der Öffentlichkeit am Thema Radverkehr ist sehr groß. Deshalb haben wir uns entschieden, die Daten nicht mehr nur einmal im Jahr zu veröffentlichen, sondern auch tagesaktuelle Werte online zu stellen“, sagte Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler dazu am Mittwoch.

Mit dem neuen Internetangebot der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt können interessierte Nutzerinnen und Nutzer das Radverkehrsaufkommen an den unterschiedlichen Zählstellen in der Stadt tage-, wochen oder monatsweise aufrufen.

Erste Auswertungen machen das breite Spektrum der Verkehrsnutzung in der Stadt deutlich. Die Spannbreite an einzelnen Zählstellen reicht dabei pro Tag von 1.000 bis zu 16.500 Radfahrenden. Im Abschnitt Jannowitzbrücke beispielsweise sind an manchen Tagen genauso viele auf dem Velo unterwegs wie mit dem Auto.

Staatssekretär Gaebler ist begeistert: „Die Daten zeigen eindrücklich, welche Bedeutung der Radverkehr in Berlin bekommen hat. Die neue Internetanwendung ist deswegen auch ein wichtiges Instrument für die Planerinnen und Planern bei ihrer Arbeit für eine bessere Radinfrastruktur.“ Die Messergebnisse sind ab sofort auf den Internetseiten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt abrufbar unter:

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/verkehr/lenkung/vlb/de/radzaehlungen.shtml

An folgenden Stellen in Berlin gibt es automatische Radzählstellen:

  • Jannowitzbrücke (Mitte)
  • Invalidenstraße (Mitte)
  • Oberbaumbrücke (Friedrichshain-Kreuzberg)
  • Schwedter Steg (Pankow)
  • Prinzregentenstraße (Charlottenburg-Wilmersdorf)
  • Yorckstraße (Tempelhof-Schöneberg)
  • Monumentenstraße (Tempelhof-Schöneberg)
  • Alberichstraße (Marzahn-Hellersdorf)
  • Paul-und-Paula-Uferweg (Lichtenberg)
  • Markstraße (Reinickendorf)

 

Und bis Ende des Jahres gehen weitere in Betrieb:

  • Mariendorfer Damm (Tempelhof-Schöneberg)
  • Maybachufer (Neukölln)
  • Berliner Straße (Pankow)
  • Frankfurter Allee (Friedrichshain-Kreuzberg)
  • Klosterstraße (Spandau)
  • Breitenbachplatz Steglitz-Zehlendorf
  • Kaisersteg (Treptow-Köpenick)

cl