Fortschritt durch Rücktritt – Stuttgarts Critical Mass vor Aufstieg in Bundesliga

Stuttgart – Exakt 928 Radfahrende zählte Stuttgarts Critical Mass gestern und brach damit erneut einen Rekord. Bereits kurz nach dem Zieleinlauf im Contain’t Containerdorf vor dem Kunstverein Wagenhalle e. V. mutmaßte Rainer Dobrinkat, Aktivist und ständiger Begleiter der Critical Mass Stuttgart:

„So viele waren wir noch nie. Ab 1000 wird es Bundesliga.“

Wenngleich diese magische Marke auch nur knapp verfehlt wurde, ist den Pulkradlern ihr spitzenmäßiger Aufstiegsplatz dennoch gewiss. Anschaulicher könnte dabei der Protest wohl kaum sein, der sich für eine gerechtere Verteilung aller Verkehrsräume und gegen eine vom Auto dominierte Stadtstruktur richtet.

Den Handlungsbedarf in dieser Hinsicht verkörpert alleine schon die gestrige Route. Wie jeden ersten Freitag im Monat war der Ausgangspunkt am Feuersee, ehe die Armada aus allerseits entschlossenen Radbegeisterten autogerechte Denkmäler wie den mehrgeschossigen Österreichischen Platz oder die stadtautobahnähnliche B 14 eroberte. Trotz der dieses Mal allem Anschein nach im wahrsten Sinne des Wortes sehr zurückhaltenden Polizei. Oft verweilte sie nämlich über mehrere Minuten vor den Kreuzungen und ließ den Individualverkehr passieren, ehe die Eskorte die Plätze für die kritische Masse freigab.

„Hier darf man nicht schnell fahren. Das muss man schließlich genießen, dass wir Radfahrer hier mal fahren dürfen.“

Mit diesen herzhaften Worten kommentierte Rainer Dobrinkat die Durchfahrt des Berger Tunnels, der sich für einen Moment zu einer monumentalen Konzerthalle verwandelte. Ein Orchester aus Hunderten von Radfahrern gab mit seinen Fahrradklingeln den Beat vor, der die aus Rucksäcken und Anhängern Marke Eigenbau schallende Musik neu komponierte, während sich die grölende und klatschende Menge ihren Weg auf zwei Rädern bahnte. Eine unbeschreibliche Gemengelage, die unter künstlerischem Aspekt beinahe als paradoxe Installation anmutet, weil genau an dieser Stelle Stuttgart mit dem Bauprojekt Rosensteintunnel einen weiteren Schritt in Richtung autogerechter Stadt unternimmt.

Die längste Bremsspur

Eine derart furiose Stimmung lässt sich zweifellos kaum einfangen. Und die Bremsspur solcher Massen ist auf ihrer Zielgeraden dementsprechend lang. Hautnah ließ sich das gestern auf dem Gelände des Contain’t-Containerdorfs vor dem Kunstverein Wagenhalle e. V. erspüren. Für eine angemessene Abkühlung der Finalisten sorgten die Kaltgetränke, während ein buntes Showprogramm zum letzten Schlag – gewissermaßen vor dem nächsten Schlag – ausholte.

„Massen am Start machen Massen hart!“

Critical Mass Stuttgart

Robert Lenk (links), Initiator des Rücktritt-Rennens und Protagonist Andi Czech (rechts). Foto: Christian Linow

Unter diesem Motto moderierte Robert Lenk und warb für das am 17. September geplante Radrennen der wohl etwas anderen Art. Dann nämlich ist es Zeit für das Rücktritt Rennen Stuttgart. Einen ersten Vorgeschmack darauf lieferte Andi Czech, der mit einem etwas antik wirkenden Velo, das visuell auf eine Zeitreise in die 1970er einlud, einen Parkour zwischen den Containern hinlegte. „Fortschritt durch Rücktritt“ ist die Voraussetzung für die etwas eigenwillige Wettfahrt, bei der beipieslweise um die längste Bremsspur geeifert wird. Mit ihr war Lenk sogar schon auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof zu Gast. Fortschritt durch Rücktritt: Eine Maxime, die sich auch für ein Leitbild künftigen Städtebaus eignen könnte. cl

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s