600 Meter Lückenschluss für Europa und Al-Wazirs Bekenntnis zu Rad(schnell)wegen

Lückenschluss des hessischen Fernradwegs 6

Von links nach rechts: Die Erste Kreisbeigeordnete Diana Stolz, der hessische Verkehrsminister Tarek Al-Wazir, Lampertheims Bürgermeister Gottfried Stürmer und der Präsident von Hessen Mobil, Burhard Vieth, freuen sich über den 570 m langen Lückenschluss des Fernradwegs R 6, der zugleich Teil des europäischen EuroVelo-Netzes ist. Foto: Christian Linow

Lampertheim – Nüchtern betrachtet geht es lediglich um 600 Meter Asphalt – und eigentlich nicht einmal um die. Denn tatsächlich misst der gestern feierliche eröffnete Abschnitt des noch dazu kombinierten Rad- und Gehwegs zwischen Lampertheim-Rosengarten und dem Weiler Wehrzollhaus am Ende bloß 570 Meter. Etwas mehr also als ein läppischer halber Kilometer, für den eigens Hessens Wirtschafts- und Verkehrsminister, Tarek Al-Wazir, herbeigeeilt ist, nachdem er zuvor bei Merck in Darmstadt eine neue Produktionsanlage für organische LED eingeweiht hatte.

Möglicherweise, weil die Etappe ein Stück vom Fernradweg 6 ist, der sich vom Waldecker Land bis nach Lampertheim erstreckt und nebenbei einer der längsten seiner Art in dem Bundesland ist, an dem kein Weg vorbeiführt – auch kein Fernradweg. Dass es sich beim R 6 darüber hinaus um einen Bestandteil des EuroVelo-Netzes handelt, wiegt freilich noch schwerer. Oder um es mit den Eröffnungsworten des Ministers auszudrücken: „Die Länder haben sich nicht nur zum Ausbau, sondern auch zur Vermarktung verpflichtet.“

Vielleicht reiste Al-Wazir aber auch deswegen an, weil ihm Radfahren einfach eine Herzensangelegenheit ist. Diesen Eindruck jedenfalls kann man bekommen, wenn man ihm begegnet und mit Fachleuten wie Matthias Gehrmann, dem ersten Vorsitzenden des ADFC Bergstraße, in Sachen Radverkehr spricht:

„Mein Eindruck ist, dass sich mit dem Minister sehr viel getan hat und tut. Die Ziele, die er hat, sind auch für uns Radfahrer gute Ziele.“

Dass mit dem gestrigen Lückenschluss ein holpriges und vor allem für Radfahrer gefährliches Ausweichmanöver auf die Landesstraße 3261 beseitigt wurde, wirkt bei alledem fast wie Beiwerk, obgleich Tarek Al-Wazir das Detail in seiner Rede durchaus wichtig war: „Die Autofahrer haben eine neue Fahrbahn, die Fußgänger und Radfahrer einen neuen Rad- und Gehweg und selbst die Eidechsen können sich sonnen.“

Die Ansprache des Ministers war aber mehr, sie war erfrischend weit gefasst und schlug einen visionären, ja fast appellhaften Bogen. Sein Kurs wurde spätestens deutlich, als er auf die landauf, landab als Musterlösung angepriesene Elektromobilität zu sprechen kam. Viele, so der Minister, hätten hier zuallererst das E-Auto im Sinn. Dabei gebe es dank Elektrorädern und Pedelecs mittlerweile eine Gruppe, die über das Fernpendeln nachdenke, die weit über die Gruppe hinausgehe, die früher bei längeren beruflichen oder Freizeitwegen nicht mal ans Fahrrad gedacht habe.

Das sieht auch Lampertheims Bürgermeister Gottfried Stürmer so. Für ihn ist klar, dass das Fahrrad aktuell eine Renaissance erlebt. Und die Vorteile liegen ihm zufolge auf der Hand:

„Probieren sie doch mal, ihr Auto direkt vor einem Geschäft abzustellen. Mit dem Fahrrad gelingt das!“

So waren sich am Ende alle einig, dass die Gesamtkosten von rund 640.000 Euro, an denen sich die Stadt Lampertheim mit 85.000 Euro beteiligt, eine gute Investition sind. Und der Ausbau geht weiter. Bis 2022 läuft die Sanierungsoffensive Hessens, die neben zahlreichen Straßenbauprojekten auch 60 Radwege an Landesstraßen umfasst. Dabei dürfe indes keineswegs Schluss sein, befindet ebenfalls der ADFC-Sprecher Matthias Gehrmann:

„Lückenschlüsse hätten wir einige: Wir haben wirklich Probleme zwischen den Gemeinden. Mir fällt da spontan der Radweg zwischen Lorch und Heppenheim ein. Der liegt wunderbar in der Natur. Allerdings steht im hessischen Radroutenplaner: ‚Vorsicht, die Brücke ist mit Kinderanhänger nicht zu benutzen!‘ Und die Kommunen machen nichts.“

Außerdem wünscht sich Gehrmann einen Radschnellweg für die Region. Er hätte es am liebsten, wenn man den von Frankfurt geplanten über Darmstadt hinaus bis ins Badische verlängerte.

Bei Tarek Al-Wazir stößt er damit auf Zuspruch. In einem Gespräch mit shaRAD Space sagte der Minister, dass sich solche Radschnellrouten – auch länderübergreifend – durchaus anbieten. Er appelliert in diesem Zusammenhang an die Kommunen, die als Träger aktiv werden müssten, weil es sich nicht um Landesstraßen handle. Nicht zuletzt habe man deswegen die AG Nahmobilität gegründet, die sich eine Vernetzung zwischen dem Land und den Gemeinden zum Ziel gesetzt habe. Schließlich wolle man Projekte dergestalt mit Landesmitteln fördern.

An drei von ihnen arbeite man laut Tarek Al-Wazir mit Nachdruck. Für den Radschnellweg zwischen Frankfurt und Darmstadt sei die Machbarkeitsstudie bereits abgeschlossen, für eine Velobahn nach Hanau sei sie auf den Weg gebracht. Eine dritte Trasse von Frankfurt bis zum Flughafen über Gateway Gardens stehe planerisch in den Startlöchern. In Anbetracht der Vielzahl von involvierten Kommunen wohl kein leichtes Unterfangen. „Ich bin froh, wenn wir diese Grundidee eines ersten Radschnellweges jetzt endlich hinbekommen“, sagte der Verkehrsminister. Dennoch sei er zuversichtlich, weil eine solche Idee dann rasch auf Nachahmung stoße. Das habe der Radschnellweg Ruhr deutlich bewiesen:

„Von der Sperrung der A 40 im Ruhrgebiet im Jahre 2010 bis zu dem Radschnellweg nebenan hat es sechs Jahre gedauert. Aber jetzt, wo mans mal sieht, sagen alle: Wollen wir auch! Und genau auf so einen Effekt setze ich.“

cl

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4 Gedanken zu “600 Meter Lückenschluss für Europa und Al-Wazirs Bekenntnis zu Rad(schnell)wegen

  1. Ich will Herrn Al-Wazir seine Begeisterung für Radschnellwege gerne glauben. Leider nutzt sie reichlich wenig wenn auf lokaler Ebene Provinzpolitiker Schnellwegprojekte torpedieren und verwässern. Beispielsweise der erwähnte „Radschnellweg“ Frankfurt-Darmstadt. Mit vollmundigen Pressemeldungen angekündigt, ist er auf Druck der beteiligten Kommunen zur „Raddirektverbindung“ herabgestuft worden: Artikel in der FNP
    Nun will man bis 2018 die Planung abgeschlossen und 2028 die „Direktverbindung“ fertiggestellt haben. 12 Jahre(!) Planungs- und Bauzeit für eine Verbindung ohne durchgehende Asphaltierung, ohne durchgehende Beleuchtung, ohne Vorrang an Knotenpunkten und ohne die Schnellwegbreite von vier Metern. So wird bestimmt kein „Wollen wir auch!“-Effekt ausgelöst.

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  2. Der Minister weiß, dass das Thema Fahrrad ein Thema ist, mit dem er politisch nur gewinnen kann, denn niemand hat etwas gegen den Radwegebau – nicht mal die Autofahrer, die sich freuen, wenn die Fahrbahnen dann wieder ihnen alleine gehört.
    Man sollte aber einen Minister an seinen Taten messen und nicht an seinen Worten. Da sieht es dann schon dürftiger aus, denn in Hessen werden im tollen Radwegebauprogramm deutlich weniger Radwege gebaut als im CDU-regierten Sachsen. Das Radwegebauprogramm sieht auch keinen Cent mehr an Geld vor als zu FDP-Minister-Zeiten. Der Unterschied ist nur, dass das Geld jetzt auch wirklich ausgegeben werden soll, während es früher oft nicht genutzt wurde, weil Hessen Mobil mit dem Radverkehr so wenig Priorität gab, dass sie die Pläne für die Radwege oft nicht früh genug fertig hatten.
    Das Thema Radwege täuscht aber über die wahre Problemlage hinweg. Der Minister versucht gerade (sehr löblich) die AG Nahmobilität zu gründen, um mit den eh schon engagierten Kommunen etwas auf die Beine zu stellen. Er zeigt aber keinerlei Inititaitive dort aktiv zu werden, wo die Landesregierung selber Hoheit hätte: Warum setzt er kein Programm für sicheres Fahrradparken an allen Landesbehörden und Landesuniversitäten auf? Warum gibt es kein Programm für sichere Querungsstellen, wie in anderen Bundesländern? Warum gelingt es ihm nicht, dass Hessen Mobil beim Umbau von Ampelkreuzungen stets Detektorscheifen im Boden der Radwege einbaut, damit Radfahrer nicht an Bettelampeln halten müssen? Das bringt flächendeckend mehr als jeder Radschnellweg. Warum verpflichtet er bei Neubauten von Mehrfamilienhäusern nicht zum Bau von ebenerdig erreichbaren, überdachten Fahrradabstellanlagen in der hessischen Bauordnung? Warum führt er keine flächendeckende Radwegweisung durch das Land wie in NRW ein? Wo ist das Bauprogramm für Fahrradparkhäuser an den 20 meistgenutzten Bahnhöfen in Hessen? Da wo er wirklich als Minister zuständig ist und eigentlich handeln könnte, fehlt ihm der Mut, seine eigene Verwaltung neu aufzustellen. Da nutzt man dann lieber solche Termine, um in der Öffentlichkeit zu zeigen, wie viel er angeblich macht.

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    • Sehr interessante Fragen und überaus konstruktive Lösungsansätze, die ich gerne für eine tiefergehende Recherche zum Anlass nehmen möchte. Es wird hier also in dieser Sache auf jeden Fall nochmal einen gesonderten Artikel dazu geben.

      Mein ganz persönlicher und subjektiver Eindruck von Minister Al-Wazir ist allerdings wirklich, dass er sich um die Sache bemüht, desgleichen aber mitunter auf eine Passivität bei den verantwortlichen Kommunen stößt. Der Unwillen mag dabei im Einzelfall mannigfach motiviert sein.

      Die einen sind möglicherweise einfach lethargisch und schenken dem Thema Radfahren deswegen nicht die nötige Beachtung. Andere wiederum verorten im Fahrrad den Angriff auf das motorisierte heilige Blechle, den es mit zahlreichen Fahrspuren bis zuletzt abzuwehren gilt. Und wieder andere haben nicht realisiert, dass das Fahrrad längst als vollwertiges Verkehrsmittel in der Gesellschaft angekommen ist. Deren Infrastruktur ist ausschließlich für Schönwetter-Radler konzipiert.

      Um dem adäquat entgegenzuwirken, bedürfte es rechtlicher Novellen, die es den Ländern erlauben, ein übergeordnetes Radverkehrsnetz zu planen und als Träger zu verwirklichen.
      Auf jeden Fall bleibe ich am Thema dran …

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