40 Fahrradstellplätze und Shared Space für den Auspuff Stuttgarts: Der Umbau am Schwanenplatz

Stuttgart – Das Areal zwischen dem Mineralbad „Das Leuze“ und dem Mineralbad Berg wird in den nächsten Jahren umgestaltet. So viel scheint jedenfalls wohl sicher. Der Umbau geht einher mit der Sanierung des Mineralbads Berg, das von diesem Jahr an bis 2018 für 29,4 Millionen Euro rundum erneuert wird. Gleichzeitig errichtet die Gesellschaft für Wohnungs- und Gewerbebau Baden-Württemberg AG (GWG) im direkten Umfeld 95 Wohneinheiten und eine Kita. Ebenfalls angedacht ist ein benachbarter Gesundheitscampus, der jedoch aufgrund einer recht schwierigen Investorensuche noch nicht endgültig sicher ist.

Eine Sache wiederum wird umso klarer: Das mit seinen 2.500 Einwohnern eher beschauliche Stuttgart-Berg wird wachsen und mit ihm auch der Verkehr. Es ist der wichtigste Punkt auf der Agenda der Berger Bürger, einem engagierten und in die städtische Ideenentwicklung involvierten Bürgerverein vor Ort. Sprecherin Birgit Heinzmann sagt, dass die Feinstaubwerte in Berg sehr hoch sind. Schleichverkehr und die Besucher der beiden Mineralbäder, die mit dem Auto anreisen, machen dem Quartier zu schaffen.

Insofern war die Hoffnung immens, die der Bürgerverein auf einen Wettbewerb der Stadt gegründet hatte. Anfang Juni waren sechs Planungsbüros eingeladen worden, um ein städtebauliches Gutachten zur Neugestaltung des Schwanenplatzes zu erstellen. Ausgearbeitet werden sollte ein Entwurfsvorschlag, der sowohl den verkehrstechnischen Erfordernissen als auch dem Baumbestand Rechnung trägt.

Aufgegliedert in einen Realisierungsteil und einen optionalen Ideenteil sollten für letzteren Vorschläge für eine mögliche Gestaltung des Parkplatzes vor dem Mineralbad Berg und vor der Neubebauung der GWG sowie der Fläche bis zu den Stadtbahngleisen dargestellt werden. Das Ergebnis haben der Bürgermeister für Städtebau und Umwelt, Peter Pätzold, und der Juryvorsitzende, Professor Hubert Möhrle, gestern nun im Rathaus vorgestellt.

In diesem Zusammenhang sicherte Birgit Heinzmann die Unterstützung des Siegerentwurfs vonseiten der Berger Bürger zu. Dennoch ging sie mit den politisch Verantwortlichen hart ins Gericht:

„Es heißt nicht, dass sie uns glücklich machen, wenn dieser Entwurf realisiert ist.“

Ihr fehlt es vor allem an einem gesamtheitlichen Verkehrskonzept der Stadt, wie es die Aktivisten seit über 10 Jahren fordern. Dabei sind die Feinstaubwerte in Berg alarmierend. In den letzten 30 Jahren, schätzt der Verein, habe sich der Anteil des Individualverkehrs verfünffacht. Plakativ brachte es Heinzmann während ihres gestrigen Resümees auf den Punkt:

„Berg ist der Auspuff der Stadt Stuttgart.“

Ein Shared Space, der keiner ist

Baubürgermeister Pätzold konterte sogleich, dass der jetzt vorliegende Entwurf sehr wohl in puncto Luftreinhaltung und Verkehr ein Beitrag zur Verbesserung sei.

Und in der Tat wartet der gemeinschaftliche Siegerentwurf der Landschaftsarchitekten Ines Wiedemann und Eberhard Schweizer und des Verkehrsplaners Christoph Link mit bemerkenswerten Neuerungen auf. Allen voran würde die Stadt Stuttgart nämlich in der Karl-Schurz-Straße zum zweiten Mal das Experiment Shared Space wagen. Zwischen der Steubenstraße und dem Schwanenplatz soll nach dem Entwurf eine durchgehend bespielbare Platzfläche geschaffen werden, die den Verkehr in Kombination mit weiteren Engstellen entschleunigen will.

Das ist schon deshalb etwas Besonderes, weil die Erfahrungen mit dem ersten Modellversuch dieser Art eher durchwachsen sind. Für rund 1,2 Millionen Euro hatte man die Tübinger Straße 2012 zur bundesweit vielbeachteten Mischverkehrsfläche umgebaut, sie jedoch schon wenige Jahre später mit Fahrradabstellbügeln und Sitzmobiliar versehen. Widerrechtlichen Parkern sollten auf diese Weise Grenzen aufgezeigt werden. Von einem Scheitern der Idee Shared Space – wie es sowohl die Stuttgarter Zeitung als auch die Stadträtin Dr. Christine Lehmann nennen – will Pätzold jedoch nichts wissen.

Etwas dünnhäutig und verschnupft war dann auch seine gestrige Reaktion auf Nachfrage von shaRAD Space:

„Wenn sie die Tübinger Straße von vor zehn Jahren kennen, ist dieser Versuch nicht gescheitert!“

Pätzold sieht das Problem woanders. Dadurch, dass die Fahrbahn in einem anderen Material als der Rand ausgeführt sei, würde sich mancher Autofahrer zum Parken eingeladen sehen. Aus diesen Erfahrungen habe man gelernt. So sei auch innerhalb dieses Preisgerichts zur Umgestaltung des Schwanenplatzes darüber diskutiert worden, ob man jede Fläche abpollern müsse. Ohnehin sieht Peter Pätzold den Gedanken Shared Space eher weiter gefasst und dehnbar:

„Der Vorschlag ist ja, dass man einen Platzbereich ausgestaltet, bei dem die Fahrbahn belagsgleich ist. Ich weiß nicht, ob man offiziell diesen Shared Space einrichtet.“

Fragezeichen und die Chance auf einen Rad(schnell)weg

Hier wie auch an anderen Stellen des Projekts dominieren ergo allgegenwärtig die Fragezeichen. Unklar ist nämlich sowieso, ob und wann der Ideenteil, für den Pätzold gestern keine Kosten zu nennen vermochte, realisiert wird. Er betrifft so ziemlich alles abseits von der Karl-Schurz-Straße. Käme er nicht, würde man dabei nicht nur dem von Wiedemann und Schweizer liebevoll in Szene gesetzten Wasserlauf nachtrauern. Vielmehr wäre die Absage des Ideenteils zugleich der größte Rückschlag für alle Radfahrenden. Schließlich sieht der Entwurf eine in Höhe der Mineralbäder eh überfällige Entmischung von Radfahrern und Fußgängern vor. Beide sollen auf parallelen Wegen separat geführt werden.

Ganz gleich, wie es am Ende ausgeht, hier und da wird der Entwurf sicherlich noch weiter angepasst werden, wie auch Professor Möhrle in seinen Ausführungen zu dem aus seiner Sicht starken Konzept gestern hervorhob. Das bleibt insofern zu hoffen, als es zwar erfreulich ist, dass Fahrradabstellplätze berücksichtigt wurden. Gleichwohl erscheinen 40 Veloparkplätze in Anbetracht der beiden Bäder und der Vorhaben der GWG eher dürftig und unterrepräsentiert. cl

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