Erst Radweg, dann Rad weg!

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Außer einem aufgebrochenen Schloss ist mir von meinem Fahrrad wieder mal nichts geblieben. Foto: Patrick Schardien

Eine Kolumne von Patrick Schardien

Ein Moment, den jeder Radfahrer fürchtet. Er läuft zum Abstellort, schaut nach dem Fahrrad und – nichts! Kurze Überlegung: Habe ich es vielleicht woanders abgestellt? Werde ich als Mittdreißiger womöglich etwas tüdelig? Ein hektischer Blick auf mein Handy. Schließlich zeichne ich jede Fahrt auf, um mich in puncto Zeit und Geschwindigkeit selbst jeden Tag etwas anzuspornen. Nein, das muss der Platz sein, ich schaue mich abermals um. Dann sehe ich die Überreste meines Schlosses, denke „Maaaaann, zum Kotzen! Wurde mir schon wieder das Fahrrad geklaut!“ und schreibe exakt diese Worte meinen „RadAutoBahnern“.

Den Namen haben wir unserem WhatsApp-Chat verpasst, weil jeder von uns ein anderes Verkehrsmittel bevorzugt. Wir, das sind meine drei verkehrspolitisch interessierten Freunde und ich. Und so, wie andere Leute auf Pokémon-Jagd gehen, über Fußballergebnisse streiten oder eine Partie Schach spielen, diskutieren wir eben gerne über alles, was mit Mobilität zu tun hat. Wenn man dann mobil wäre. Ich bin es ja gerade nicht, was zu einem köstlichen Schlagabtausch mit dem Autofahrer unter uns RadAutoBahnern führt:

„Ich konnte es selbst nicht glauben und habe extra nochmal in die letzte Aufzeichnung geschaut, wo ich es abgestellt habe.“ –  „Aufzeichnen?“ – „Ich zeichne doch jede Strecke auf. Und weiß daher genau wo ich es abgestellt habe.“ – „Das kannst du dir nicht merken? 😜“ – „Konnte ich, ich zweifelte nur an mir selbst. Kann doch nicht schon wieder weg sein. Nun muss ich auch noch Bahn fahren!“

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Mit Helm, aber dafür ohne Rad. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war die Welt für mich noch in Ordnung, obgleich ich nicht ständig mit Helm unterwegs bin. Foto: Patrick Schardien

Dreimal in sechs Monaten

Und so was ist mir in den letzten sechs Monaten nun schon drei (!) Mal passiert. Einmal zu Hause, einmal auf Arbeit und zuletzt – trotz Umzug – auch am neuen Wohnort.

Früher habe ich solche Diebstähle quasi als gegeben hingenommen. Damals wurde mir im Schnitt auch bloß alle fünf Jahre ein Rad geklaut. Ich sah es sportlich und begriff es als mehr oder weniger willkommene Gelegenheit, mir ein neues Fahrrad anzuschaffen. Mittlerweile aber kenne ich nicht mal mehr eine Inspektion – zuvor wird mir das Velo nämlich definitiv gestohlen. Was der Dieb dabei geflissentlich in Kauf nimmt: Er mopst nicht bloß meinen fahrbaren Untersatz, sondern raubt mir dadurch gehörig meine Nerven. Denn Langeweile kommt bei den nötigen Formalitäten keinesfalls auf:

  • Diebstahlanzeige bei der Polizei (bei einer Aufklärungsquote von 4-5% frage ich mich, was das bringen soll)
  • Anzeige bei der Versicherung
  • Sammeln von Rechnungen

Glücklicherweise geht vieles heute online. Sollte für einen Routinier wie mich eigentlich kein Problem sein, oder? Doch weit gefehlt: Da jede Versicherung unterschiedliche Modalitäten bei der Sachbearbeitung hat und ich meine Assekuranz gerade erst wechseln durfte, steht darüber hinaus die Recherche beim Fundbüro an. Aber erst nach Ablauf von drei Wochen, so will es der Versicherer.

Dabei gehen einschließlich Neuradkauf sowieso mindestens drei Stunden für Bürokratie und Erledigungen drauf. Zeit, die ich für schönere Dinge einsetzen könnte. Hinzu kommt, dass man ja meist mit dem Fahrrad irgendwo hinwollte, möglicherweise zu einem Termin, den man deswegen spontan umdisponieren muss. Außerdem ist das Fahrrad für meine Wege oft eh die konkurrenzlos schnellste Alternative, die mir jetzt fehlt.

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Familienausflüge gehören auf dem Rad vorerst der Vergangenheit an. Drei Wochen muss ich mit der Nachfrage beim Fundbüro warten, ehe die Versicherung zahlt – und mich danach möglicherweise kündigt. Foto: Patrick Schardien

Stadtschlampe oder GPS, das ist hier die Frage

Bleibt die Frage, welche Vorsätze ich beim nächsten Fahrrad fasse. Von nun an immer mit zwei Schlössern sichern? Das macht es dem Dieb nur minimal schwerer, mir indes umso mehr. Immer hinter verschlossenen Türen abstellen? Auch die sind längst nicht überall verfügbar. Zu Hause hieße es dann: eine Treppe hoch und an drei Türen vorbei. GPS-Modul ans Fahrrad? Ja, will, kann und werde ich dem Dieb tatsächlich hinterherjagen?! Eine Stadtschlampe kaufen, die für den Langfinger nicht attraktiv genug ist? Nicht bei meiner Jahresfahrleistung von 6000 km, jeden Tag quer durch Berlin!

Nein, ich werde wieder ein neues kaufen und hoffe, in Zukunft etwas weniger Pech zu haben. War sonst noch was? Ach ja, mein Versicherungsmakler hat mir mitgeteilt, dass ich eventuell keine Hausratversicherung mehr bekomme, wenn ich den Schaden melde. Schließlich erkundigen sich die Versicherer nach Vorschäden. An dieser Stelle wünschte ich, nicht mir, sondern meinem Reifen ginge die Luft aus. ps

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2 Gedanken zu “Erst Radweg, dann Rad weg!

  1. Es gibt noch eine Möglichkeit: ein top Rad kaufen und optisch in eine „Stadtschlampe“ zu verwandeln. Fährt immer noch gut und ist für Diebe nicht mehr so interessant. Es könnte sich auch lohnen ein teureres Schloss zu kaufen falls es daran lag.

    Gefällt 1 Person

  2. Mit dem GPS-Tracker hat man das Rad noch lange nicht. Sollte es sich in einem Haus befinden, kommt man trotzdem nicht ran. Einen Durchsuchungsbeschluß für das Rad wirst du nicht bekommen. Was machst du, wenn es schon in Polen, Litauen oder der Ukraine ist? Ich würde in mehrere Schlösser investieren. Was soll ich denn sagen bei der Regel: 10% des Radwertes für ein Schloss ausgeben.

    Gefällt 1 Person

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