ADFC-Herbstempfang: Radfahren nicht fördern, sondern aufhören mit Verhindern

21.09.2016. Berlin.Vertretung des Landes Baden-WŸrttemberg beim Bund.Herbstempfang des ADFC Bundesverbandes.

"MobilitŠt 4.0 und die Zukunft des Fahrrades"

Der ADFC lud gestern zum Parlamentarischen Herbstempfang. Leitthema war „Mobilität 4.0“. Burkhard Stork, Ulrich Syberg, Dr. Anton Hofreiter, Norbert Barthle, Ludger Koopmann (v.l.n.r.) Quelle/Rechte: Bolesch, ADFC

Berlin – Im Rahmen einer ganzen Reihe von politischen Veranstaltungen hat der Bundesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (kurz: ADFC) gestern zu einem „Parlamentarischen Herbstempfang“ in die Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund geladen. Unter den rund 200 prominenten Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Fahrradwirtschaft waren Persönlichkeiten wie der Grünen-Fraktionsvorsitzende Dr. Anton Hofreiter, der Nextbike-Geschäftsführer Ralf Kalupner oder der BICO-Geschäftsführer Jörg Müsse, die darüber hinaus als Gastredner empfangen wurden.

Den Auftakt des Abends, der sich um das Thema Mobilität 4.0 drehte, machte der Parlamentarische Staatssekretär Norbert Barthle. Er vertrat Alexander Dobrindt, der wegen der anstehenden G7-Verkehrsministerkonferenz in Tokio kurzfristig abgesagt hatte. Barthle hob vor allem die Novelle des Bundesverkehrswegeplans hervor, der fortan die Förderung von Radverkehrswegen vorsieht (shaRAD Space berichtete). Damit setze das Bundesverkehrsministerium ein deutliches Zeichen, dass ihm der Radverkehr „wichtig ist und zukünftig noch wichtiger sein wird, als er es jetzt schon ist.“ Ebenfalls rief der Staatssekretär dazu mahnend auf, auch die für den Radwegebau vonseiten des Bundes zur Verfügung stehenden Entflechtungsmittel abzurufen, was bis dato nicht vollumfänglich geschehe.

Die grundsätzliche Programmatik dürfte mit Sicherheit auch Dr. Anton Hofreiters Vorstellungen entsprechen, der in seinen Ausführungen die spannenden Entwicklungen im Bereich der Fahrradindustrie herausstrich. Dank Pedelecs und Lastenrädern sehe er technologische Durchbrüche, bei denen das Fahrrad eine Schlüsselrolle für nachhaltige Mobilität einnehme. Denn allen Entwicklungen zum Trotz gebe es beim Auto ein unüberwindbares Problem:

„Was wir nicht lösen können: Das ist schlichtweg das Platzproblem. Die Autos, und wenn sie noch so elektromobil sind, wenn sie noch so emissionsfrei sind, wenn sie noch so leise sind und wenn sie noch so unfallvermeidend sind, sie brauchen extrem viel Platz.“

Für Hofreiter ist unmissverständlich klar, dass europäische Städte mit all ihren Begegnungsräumen und der platzfressende motorisierte Individualverkehr nicht zusammenpassen.

21.09.2016. Berlin.Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund.Herbstempfang des ADFC Bundesverbandes.

"Mobilität 4.0 und die Zukunft des Fahrrades"

Die An- und Abreise erfolgte standesgemäß mit dem Fahrrad. Nextbike nutzte die Gelegenheit zur Demonstration der neuen Velos, die künftig Berlins Stadtbild entscheiden mitbestimmen werden. Das Leipziger Unternehmen konnte die Ausschreibung für sich entscheiden. Quelle/Rechte: Bolesch, ADFC

Und die Erfolge des Bike-Sharings stützen Hofreiters These. Davon weiß auch Ralf Kalupner eine Menge zu berichten. Er ist der Geschäftsführer und Gründer der nextbike GmbH, einem international tätigen Fahrradverleiher, der in vielen Regionen längst zum Stadtbild gehört und jüngst die Ausschreibung des Bike-Sharing-Systems in Berlin für sich entscheiden konnte. Das Leipziger Unternehmen wurde im Jahre 2004 aus der Taufe gehoben und betreibt von den insgesamt rund eine Millionen Mieträdern weltweit ca. 35.000 an über 45 Standorten in Deutschland sowie in weiteren 17 Ländern der Erde. Der Weg dahin aber sei hart gewesen, sagte Kalupner in seiner Ansprache. Vor allem war es die Finanzierung, die anfangs immer wieder auf wackeligen Beinen gestanden hatte.

21.09.2016. Berlin.Vertretung des Landes Baden-WŸrttemberg beim Bund.Herbstempfang des ADFC Bundesverbandes.

"MobilitŠt 4.0 und die Zukunft des Fahrrades"

Der Weg zum Erfolg war hart. Für den Nextbike-Gründer Ralf Kalupner hat er sich dennoch gelohnt. Mit über 35.000 Fahrrädern ist er in 18 Ländern auf der Welt mit seinen Mieträdern vertreten. Quelle/Rechte: Bolesch, ADFC

Ein Problem, das sich wie ein roter Faden durch nahezu alle Startups zieht. Und dennoch ist der Erfindergeist glücklicherweise ungebrochen, wie der gestrige Abend anschaulich demonstrierte.

Von Mihai Ghetes Routing- und Sharing-App Odun Bike über das Cargo-Pedelec der Velogista GmbH – mit der das Unternehmen sogar kleine Umzüge realisiert – bis hin zu dem handygesteuerten Fahrradschloss aus dem Hause i Lock it oder Andreas Gahlerts COBI – eine App, die Navigation, digitale Klingel, Licht und Telefon am Lenker vereint – wurde das breite Innovationsspektrum zur Schau gestellt.

Schließlich präsentierte Dr. Andreas Helferich von highQ die Mobilitätskarte „polygo – Alles auf einer Karte“. Sie ersetzt im Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart sukzessive den klassischen Verbundpass gegen ein elektronisches Ticket. Etwa 250.000 Menschen sind einstweilen im Raum Stuttgart mit dem Fahrtausweis in Scheckkartengröße unterwegs, mit dem sie den ÖPNV benutzen, aber auch Fahrräder, Autos oder Bücher ausleihen und bezahlen können. Gänzlich unumstritten ist der Tausendsassa übrigens nicht. Immer wieder wurde der Vorwurf laut, dass anhand der Daten auf der Karte mittels gängiger Apps und NFC-fähiger Smartphones Bewegungsprofile durch jedermann abgerufen werden könnten.

Davon losgelöst stellte sich der illustren Runde die Frage, was politisch unternommen werden muss, um Existenzgründern in der Velobranche und dem Radverkehr im Allgemeinen zu helfen. Jörg Müsse vom Händlernetzwerk BICO brachte es von einem frenetischen Beifall begleitet auf den Punkt:

„Die Politik muss Radfahren nicht fördern, sie muss aufhören es zu verhindern.“

Der Weg dahin scheint zumindest geebnet und die Zeichen stehen gut, sodass es nicht mal dem stellvertretenden ADFC-Bundesvorsitzenden Ludger Koopmann schwerfiel, am Ende Optimismus zu verbreiten: „Wir haben erreicht, dass das Fahrrad – anders noch als vor 10 Jahren – als Verkehrsmittel ernst genommen wird.“ cl

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