Feinstaub: Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

Ab 15. Oktober beginnt in Stuttgart wieder die „Feinstaub-Saison“. Wie üblich ist der Appell auf freiwilliger Basis, sodass der Erfolg wohl eher verhalten bleiben dürfte. Foto: Christian Linow

Stuttgart – Ab 15. Oktober ist es wieder so weit. Dann startet in Deutschlands Staumetropole Nummer eins die „Feinstaub-Saison“, wie sie von der Stadt Stuttgart liebevoll verbrämend genannt wird. Damit beginnt zum zweiten Mal eine Phase, in der je nach Witterungslage der so genannte Feinstaubalarm ausgerufen werden kann. Doch anders als bei den vor allem aus den 1980er-Jahren bekannten SMOG-Alarmen brauchen Autofahrer bislang keine Fahrverbote fürchten.

„Unser Motto zur zweiten Feinstaubalarm-Periode heißt: ,Stuttgart packt’s an.‘ Wir wollen es weiterhin freiwillig schaffen, die Belastung in Stuttgart zu senken.“

So jedenfalls lautet das Mantra von Oberbürgermeister Fritz Kuhn, auf das er heute abermals die Bürgerinnen und Bürger einzuschwören versuchte. Frühestens ab 2018 wird man Kuhn zufolge überhaupt mit ordnungspolitischen Maßnahmen zu rechnen haben, wie auch immer die dann aussehen werden. Derweil könnten Restriktionen mit Blick auf ein Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf vom September dieses Jahres schneller notwendig werden als angenommen. Die Deutsche Umwelthilfe hatte gegen das Land Nordrhein-Westfalen wegen Überschreitung der Luftqualitätswerte in der Landeshauptstadt Düsseldorf geklagt und in vollem Umfang Recht bekommen.

Das Bewusstsein über die Dringlichkeit in der Sache scheint unterdessen auch im Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg gereift zu sein. Der Ministerialdirektor Dr. Uwe Lahl sagte: „Land und Stadt gemeinsam wollen es jetzt wissen, ob es gelingt, die Menschen zu bewegen, auf der Basis von Freiwilligkeit und Einsicht dafür zu sorgen, dass die Grenzwerte der Luftschadstoffe endlich eingehalten werden. Andernfalls werden uns die Gerichte zu weitaus einschneidenderen Maßnahmen und Verkehrsbeschränkungen zwingen. Deshalb brauchen wir auch dringend die blaue Plakette.“ Dieser Vorstoß wirkt durchaus charmant, mit Blick auf das besagte Urteil erweckt er jedoch den Eindruck einer Alibiveranstaltung.

Schließlich waren die Richter des Düsseldorfer Verwaltungsgerichts zu dem Ergebnis gekommen, dass es mitnichten einer Plakette bedürfe. Vielmehr gebe es nach Auffassung des Gerichts mit den Möglichkeiten der gültigen Straßenverkehrsordnung ausreichend Instrumente, um Fahrverbote schon heute durchzusetzen. Eine Möglichkeit: Das Verkehrszeichen 251 mit einem entsprechenden Zusatzschild.

Mit einem solchen Schild wären Dieselfahrverbote bereits heute ohne eine blaue Plakette möglich. Quelle/Rechte: Deutsche Umwelthilfe

Was in diesem Zusammenhang von allen Beteiligten jedoch gänzlich unterrepräsentiert wird, ist das Thema Fahrrad. Zwar appelliert die Stadt an die Bürgerinnen und Bürger, auch auf das Fahrrad umzusteigen und betont die große Bedeutung des Radverkehrs. Immerhin stünden dafür im Doppelhaushalt 2016/2017 insgesamt sechs Millionen Euro zur Verfügung und in der Umsetzung seien unter anderem der weitere Ausbau der Hauptradroute 2 (S-Ost-Wangen-Hedelfingen), der Neubau zusätzlicher Radabstellanlagen sowie die Vorbereitung neuer Fahrradstraßen. All das mag auf den ersten Blick nach viel klingen, anderen europäischen Städten gegenüber hinkt Stuttgart allerdings mit großem Abstand hinterher. Nicht mal 5,- Euro pro Einwohner und Jahr investiert die Schwabenmetropole in den Ausbau ihrer Radinfrastruktur. Im bevölkerungstechnisch vergleichbaren Oslo sind es über 70,- Euro! Und selbst der Nationale Radverkehrsplan (NRVP) schlägt mit 10,- Euro pro Einwohner und Jahr glatt das Doppelte als Investition in den Radverkehr vor.

Ohnehin demonstriert ein Blick ins Ausland, wie weit Stuttgart ins Hintertreffen gelangt, wenn nicht sehr bald ein verkehrspolitischer Umdenkprozess stattfindet. Sowohl in Paris, wo das rechte Seine-Ufer nach dem Willen der Bürgermeisterin Anne Hidalgo nicht länger eine Schnellstraße, sondern eine Flaniermeile sein soll, als auch in London, der Stadt mit einer großflächigen City-Maut, hat der Abgesang aufs Auto längst begonnen. Oslo geht sogar noch einen Schritt weiter, indem es bis 2019 die gesamte Innenstadt vom motorisierten Individualverkehr befreien will. Aber auch andere Städte auf dieser Welt sind bereits vom Fahrradfieber erfasst. New York, Helsinki oder das chinesische Chengdu sind nur wenige Beispiele.

In Stuttgart scheint man sich einstweilen weniger dem Straßenrückbau zugunsten von Radfahrstreifen widmen zu wollen, als sich viel lieber mit den Wegen abseits des Automobils zu beschäftigen. So wurden beispielsweise im Schlossgarten penibel Umleitungen für alle Radfahrenden ausgetüftelt, mit dem Ziel, Radfahrende und zu Fuß Gehende voneinander zu trennen. In jedweder erdenklichen Größe exkstatisch auf den Asphalt gepinselt, gebieten die weißen Fahrräder und Figürchen die Richtung – geradewegs in die Dunkelheit.

Eine solche Akribie würde man sich auch bei der Installation von Radfahrstreifen auf der Straße wünschen. Allerdings ist die Umleitung so eher kontraproduktiv. Geradewegs führt der Weg auf die unbeleuchtete Platanenallee. Überdies ist diese Kreuzung hier alles andere als unkritisch. Foto: Christian Linow

Denn für Velos sieht die Stadt ausgerechnet auf dieser Durchmesserlinie die komplett unbeleuchtete Platanenallee entlang des Bahndamms vor. Für die Vorsitzende des ADFC Baden-Württemberg, Dr. Gudrun Zühlke, ein unhaltbarer Zustand. Sie ärgert sich gegenüber shaRAD Space:

„Die Situation ist eine Frechheit für die Radfahrer.“

Seit Wochen schon beschäftigt der Schlossgarten den Fahrrad-Club, aber die verschiedenen Verantwortlichkeiten von Stadt und Land lassen eine Lösung in weite Ferne rücken. Vor dem Hintergrund des plakativ skandierten Feinstaubalarms ausgerechnet das Radfahren durch derart dilettantische Maßnahmen zu erschweren, ist ärgerlich. Und es erinnert an eine Werbung aus dem vergangenen Jahrhundert, in der man Situationen wie diese mit dem Schlussakkord aufklärte: „Halt, mein Freund! Wer wird denn gleich in die Luft gehen?“ Ja, dieser Spot hatte ebenfalls mit Feinstaub zu tun, den man jedoch in den letzten Jahrzehnten gesetzlich stärker an die Kandare genommen hat. Vielleicht gelingt einem das ja auch in puncto Verkehr – irgendwann. cl

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6 Gedanken zu “Feinstaub: Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

  1. Pingback: Stuttgarts “Hauptradroute 1” | Mega-Stoffel // X-tof

  2. Nebenbei: die Umleitung über die Platanenallee ist zwischen der Stadtmitte und Bad Cannstatt ein Umweg. Das ist aber vermutlich die am häufigsten benutzte Verbindung im Schloßgarten. Noch dazu ist der Belag in der Platanenallee eine Zumutung. Rauh mit Kopfsteinpflasterunterbrechungen.

    Aber gut, als Radfahrer ist man in Stuttgart einiges gewohnt. Nur Gutes, das wäre mal was Neues.

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  3. Na ich bin ja mal gespannt wie es diesem Mal mit dem Feinstaubalarm klappt.
    Letzte Alarmperiode war ja nicht gerade erfolgreich. Die ersten beiden Alarme
    wurden hier im Kollegenkreis zu 90% überhaupt nicht wahrgenommen, sprich man wusste
    gar nicht das Feinstaubalarm ausgerufen war. Und die restlichen wurden
    einfach ignoriert.

    Zum Thema Radfahren im Schlossgarten. Das war ja noch nie wirklich gut. Bei schönem Wetter
    die absolute Hölle. Auch dieser „Versuch“ Fußgänger und Radfahrer zu trennen, schlicht gesagt
    nicht gelungen. Aber auch der weitere Verlauf der Radroute lässt Wünsche offen. Hier sei mal
    Stichwortartig der (zwar getrennte) Bereich am Ministerium, der S21-Steg mit einer eher
    unausgegorenen Streckenführung oder der (auch getrennte) Bereich vor dem Landtag genannt.

    Diese Stuttgarter Radkarte hat noch mehr lustige Überraschungen parat. Ich kenne
    Strecken in S-Untertürkheim, die auf der Karte als Radwege auftauchen, aber leider
    doch nur reine Fußwege sind. Aber was kann man von einer Stadt(-verwaltung) auch erwarten,
    die freigegebene Fußwege als Radwege feiert. Auch sehr „empfehlenswert“, der Stuttgarter
    Radroutenplaner!

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  4. Dazu fällt mir noch ein anderer, abgewandelter Werbespot ein:

    „Die Stadt erstickt im Autoverkehr! Feinstaubalarm! Alle Grenzwerte überschritten! Vorschläge? Lohmann?!?“

    „Wir setzen auf Freiwilligkeit, stellen Umweltzonenschilder auf und verteilen bunte Plaketten!“

    „Oder wir machen es wie die Niederländer: Flächendeckende, sichere Radverkehrsinfrastruktur, die zum Umstieg aufs Fahrrad animiert. Oder wie die Schweizer: Zuverlässiger, sauberer und vertakteter ÖPNV in jeden Winkel des Landes!“

    „Was brauchen Sie dafür?“

    „Verschiebung der Prioritäten in Verkehrshaushalt und Bundesverkehrswegeplan weg von der Straße, hin zu Schiene, ÖPNV und Radverkehr. Rückbau von Autofahrspuren in den Städten, Wegfall von Parkplätzen im öffentlichen Raum,…“

    „OK – wir machen das mit den Plaketten!“

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  5. Pingback: Verkehrsministerkonferenz: Bund soll Radschnellwege, Bike-Sharing und Intermodalität fördern | shaRAD SPACE

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