Autos rein, Radfahrende raus in der Ottenser Hauptstraße

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In einer der ersten Fußgängerzonen Hamburgs war das Radfahren bislang freigegeben. Von nun an ist es verboten, in der Ottenser Hauptstraße zu fahren. Stattdessen soll eine weiträumige Umleitung des Radverkehrs eingerichtet werden. Autos dürfen derweil weiter einen Teil des Bereichs befahren. Quelle/Rechte: Wikipedia/Wahrerwattwurm

Hamburg – Nach über eineinhalb Jahren erreicht der schwelende Konflikt um Radfahrende in der Ottenser Hauptstraße nun seinen vorläufigen Höhepunkt. Wie das Hamburger Abendblatt am vergangenen Mittwoch berichtete, dürfen Radler in der 1976 zur Fußgängerzone umgebauten Straße nicht mehr fahren. Seit Ende der 1970er Jahre waren Velos freigeben, ehe das zuständige Polizeikommissariat 21 im März letzten Jahres den Vorstoß wagte, die Zusatzzeichen abzumontieren.

Als Grund berief sich die Polizei zum einen auf die Verfügung des Bezirksamtes Altona (Az.: BA5/64.10-8) vom 17.05.1979, wonach sich die Widmung der Ottenser Hauptstraße ausschließlich auf den Fußgängerverkehr und Wirtschaftsverkehr der Anlieger beschränkt. Erst nach dreieinhalb Jahrzehnten zu dieser Erkenntnis zu kommen, hat definitiv den Charme einer Posse. 

Zum anderen aber verweist die Polizei auf eine Unfallerhebung, wonach es in drei Jahren fünf Kollisionen mit Radfahrerbeteiligung gegeben habe, drei von ihnen zwischen zu Fuß Gehenden und Radfahrenden sowie zwei zwischen Radfahrenden untereinander und des Weiteren vier durch Beteiligung des Lieferverkehrs. Für den Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs in Hamburg, Dirk Lau, ist all das kein Beleg, der eine Sperrung rechtfertigen könnte:

„Wir teilen die Einschätzung der Polizei nicht, wonach es in der Ottenser Hauptstraße eine ‚Unfalllinie‘ gibt. Unseren Beobachtungen nach kommen Fußgänger und Radfahrer dort in den allermeisten Fällen gut miteinander klar. Dass es laut Polizei in drei Jahren zu fünf Unfällen mit Radfahrerbeteiligung gekommen sein soll, unterstreicht das eher, wenn sie bedenken, welch hohes Verkehrsaufkommen es dort gibt.“

Ob das Verbot am Ende tatsächlich wirkt und beachtet wird, darf bezweifelt werden. Dessen ist sich auch die Politik bewusst. Der CDU-Verkehrsexperte und Bezirkspolitiker Tim Schmuckall hatte im letzten Jahr nüchtern festgestellt: „Da wird weiter geradelt.“ Mit einem Antrag, dem der örtliche Verkehrsausschuss schließlich folgte, forderte er Alternativen. Seine Idee: Die Verkehrsflächen so neu zu sortieren, dass in der Mitte eine Art Fahrradstraße gebaut werden könnte. In der Zwischenzeit hat der Bezirk jedoch einen Plan B ersonnen, der allerdings mehr an ein Stückwerk erinnert als an Hamburgs selbst auferlegte Maxime Fahrradstadt.

Im Zickzack sollen Radfahrende künftig die Ottenser Hauptstraße über den Hahnenkamp und die Große Rainstraße umfahren. Ein am Paul-Nevermann-Platz provisorisch abmarkierter 2,50 Meter breiter Radweg, der auf die Fahrbahn mündet und an den Taxiständen vorbeiführt, soll die Radfahrenden von den zu Fuß Gehenden bereits im Vorwege trennen. Dementsprechend mager fällt das Fazit von Dirk Lau aus:

„Die vom Bezirk geplante Alternativroute wird wohl nicht funktionieren, da sie ein erheblicher Umweg für die Radfahrer ist, die dann im Slalom den Bahnhof und den gesamten Mercado-Block umfahren müssen, um aus Richtung Neue Große Bergstraße zum Spritzenplatz zu kommen. Solche unkomfortablen, komplizierten Radwegführungen bremsen den Radverkehr eher aus, statt ihn im Sinne einer echten ‚Fahrradstadt‘ zu priorisieren (gemeinsam mit Fußverkehr und ÖPNV).“

Er findet, dass die Polizei mit zweierlei Maß misst, wenn sie eine Aussperrung „mit einem Schwellenwert von vier Unfällen begründet.“ In Bezug auf verkehrsbeschränkende Maßnahmen seien ihm Restriktionen dergestalt beim Autoverkehr noch nicht begegnet, obgleich die dort in Anbetracht der Unfallschwere viel eher angebracht wären. „Natürlich ist jeder Unfall einer zu viel, aber unserer Erfahrung nach verhalten sich die allermeisten Radfahrer in diesem Abschnitt (zu dem ja auch ein 50 Meter langes Stück Fahrbahn mit Autoverkehr gehört – warum eigentlich noch?) rücksichtsvoll und vorsichtig gegenüber Fußgängern.“

Er und der ADFC fordern daher „die Wiederanordnung des Zusatzschilds ‚Radfahrer frei‘, um die Radfahrer, die weiterhin diese Straße nutzen wollen (und werden), aus der Illegalität zu holen.“ Besser als Verbote wirken seiner Meinung nach vielleicht Zusatzschilder wie ‚Bitte Rücksicht nehmen – Fußgänger haben Vorrang‘ am Anfang und Ende der Zone. Eine andere Idee wäre, darüber nachzudenken, die Straße zum Shared Space zu machen und komplett für den Autoverkehr zu sperren. cl

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2 Gedanken zu “Autos rein, Radfahrende raus in der Ottenser Hauptstraße

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