Räder zeigen gegen den Feinstaub

Eine Kolumne von Christian Linow

Die Critical Mass

Alban Manz, Andreas Welch, Christian Linow (von links nach rechts). Foto: Christian Linow

Stuttgart – „Stuttgart packt‘s an. Machen Sie mit! Gemeinsam für saubere Luft“ lautet das Motto der Stadt seit der ab 15. Oktober abermals ausgerufenen Feinstaubalarm-Saison. Feinstaubalarm-Saison, das klingt eher wie ein Slogan vor einem Reisebüro: „Reif für die (Verkehrs-)Insel? Buchen sie jetzt und sichern sie sich ihren Platz im Stau.“ Und währenddessen wirbt im plärrenden Autoradio der auf dem Berliner Gassenhauer Im Grunewald ist Holzauktion intonierte Jingle frei nach Harry Steier:

In Stuttgart, in Stuttgart ist Feinstaub-Saison, ist Feinstaub-Saison, ist Feinstaub-Saison.
Aus allen Himmelsrichtungen kommen die Autos schon,
gerad an den Bach Nese, herrje!

Links um die Ecke rum,
rechts um die Ecke rum,
so viel Publikum! Wie ist das nur möglich!

Links um die Ecke rum,
rechts um die Ecke rum,
überall stehen Autos rum – schlumm, schlumm!

Was bleibt einem also schon anderes übrig, als dem motorisierten Verkehr Paroli zu bieten. Schließlich mahnt selbst der Oberbürgermeister Fritz Kuhn:

„Nehmen Sie die Luft in Stuttgart nicht auf die leichte Schulter. Unterstützen Sie den Feinstaubalarm durch Umstieg auf umweltfreundliche Verkehrsmittel oder bilden Sie Fahrgemeinschaften. Nicht der Feinstaubalarm ist das Problem, der Feinstaub ist das Problem.“

Die Luft nicht auf die leichte Schulter, sehr wohl aber auf den Gepäckträger, nimmt sie eine kritische Masse von Radfahrenden jeden ersten Freitag im Monat um 18.30 Uhr. Zu Hunderten schwärmt die Critical Mass vom Treffpunkt am Feuersee aus und verschafft sich Gehör in der ansonsten eher autodominierten schwäbischen Metropole. Seit August ist die Protestbewegung auch ein fester Bestandteil meines Terminkalenders, um nicht zu sagen ein Ritual. Buchstäblich auf diesen Weg gebracht haben mich im Wesentlichen zwei Menschen.

Es muss vor knapp zwei Jahren gewesen sein, als mein Kollege Andreas Welch und ich auf den alltäglichen Arbeitsweg zu sprechen kamen und darauf, wie schwer sich zuweilen Familie, Beruf und Sport miteinander in Einklang bringen lassen. Während ich in Hamburg und Berlin noch die allermeisten Strecken mit dem Fahrrad zurückgelegt hatte, spielte das Veloziped seit meinem Umzug nach Stuttgart keine Rolle mehr. Andreas Welch, den ich seither meinen Radmentor nenne und dem selbst eine Strecke von Baden-Württemberg nach Sachsen auf dem Zweirad  – wohlgemerkt: ohne Unterbrechung, an einem Stück – nicht zu weit erscheint, warf damals stoisch ein:

„Wenn du Sport machen willst, nimm den Arbeitsweg. Den hast du immer. Und mit dem Fahrrad bist du noch dazu absolut flexibel.“

Dieser Satz, wie er so alles andere als missionierend gefallen war, hallte in mir wider. Wenige Tage später beschloss ich meinen Umstieg aufs Fahrrad und kündigte schließlich mein Abo, um mich bereits im Vorwege zu disziplinieren. Die zweite Wendung nahm meine Biografie mit der ARD-Reportage „Der Fahrradkrieg – Wem gehört die Stadt?“. Alban Manz, ursprünglich Architekt und heute im Fahrrad-Marketing als PR-Account-Manager tätig, hat darin mit leidenschaftlich geladenem Timbre eine Antwort auf die drängenden Verkehrsprobleme parat:

„Die Leute haben es einfach vergessen, wie praktisch das ist. Man muss es ihnen ständig zeigen und sagen, guck mal hier, die Lösung ist ganz einfach. Wenn ihr im Stau steht, nehmt das Fahrrad und fahrt am Stau vorbei.“

Critical Mass

Auch gestern erfreute sich die Critical Mass wieder einer großen Beliebtheit. Rund 440 Radfahrende zeigten ihre Velos auf den Straßen Stuttgarts. Foto: Christian Linow

Dieser Eifer steckt an – auch mich. Manz‘ schnörkelloses Destillat, das zwischen den Zeilen ein flammendes Plädoyer für eine Verkehrswende ist, hat die Critical Mass auch auf meinen Plan gerufen, dessen Ziel sich in Manz’schen Worten ebenso leicht erklären lässt: Es geht darum, den Leuten Fahrräder zu zeigen. Fahrräder gegen den Feinstaub. Gestern waren es 440 Stück. cl

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