Konkurrenz belebt das Geschäft – 3.500 LIDL-BIKES der Deutschen Bahn entern Berlin

lidlbike1

So sehen sie aus: Die neuen LIDL-BIKES der Call-a-Bike-Familie der Deutschen Bahn in Zusammenarbeit mit dem Discounterriesen Lidl. Foto/Rechte: Deutsche Bahn AG

Berlin – Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Keine drei Wochen ist es her, als die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt zusammen mit ihrem neuen Kooperationspartner nextbike zum Abgesang auf die knallroten Call-a-Bikes der DB Rent eingestimmt hatte. Da plötzlich überrascht die Deutsche Bahn mit ihrem künftigen Sponsor Lidl und steigt wie Phönix aus der Asche.

Pünktlich zum Frühjahr 2017 und damit parallel zum Start von nextbike will der Konzern unter der Schirmherrschaft des Einzelhandelsriesen Lidl 3.500 Fahrräder innerhalb des S-Bahnrings aufstellen. Der Clou: Im Gegensatz zum landeseigenen Fahrradverleih kommen die LIDL-BIKES ohne eine feste Station aus. Die Velos können als so genannter Free-Floater flexibel ausgeliehen und zurückgegeben werden. Zu folgenden Konditionen:

Basistarif: 3,- Euro im Jahr, die ersten 30 Minuten 1,50 Euro, jede weitere halbe Stunde 1,- Euro, jedoch max 15,- Euro für 24 Stunden

Komfortarif: 49,- Euro im Jahr, die erste halbe Stunde 0,50 Euro, jede weitere halbe Stunde 1,- Euro, jedoch max 12,- Euro für 24 Stunden

Darüber hinaus werde es nach Angaben eines Bahnsprechers so genannte Rückgabezonen geben, die in der App angezeigt werden. Wenn der Kunde innerhalb dieser Zonen sein Rad zurückgibt, bekommt er einen Bonus von 0,50 Euro. Möglicherweise könnten dem Bahnsprecher zufolge solche Rückgabezonen auch im Bereich von Lidl-Filialen liegen.

Sylvia Lier, Vorsitzende der Geschäftsführung von DB Rent, unterstreicht mit deutlichen Worten den elementaren Stellenwert des Bike-Sharings im Hinblick auf den unaufhaltsamen Boom beim Radfahren:

„Das Verkehrsmittel Fahrrad und der Sharing-Trend gewinnen besonders in Berlin zunehmend an Bedeutung. Mit einem mehr als doppelt so großen Angebot bieten wir ab Frühjahr 2017 in der Bundeshauptstadt einen noch größeren und besonders umweltfreundlichen Teil des öffentlichen Nahverkehrs.“

Ihr Dank gelte hierbei vor allem auch Lidl Deutschland für die Unterstützung als Sponsor. Beim neuen Angebot übernimmt DB Rent weiterhin die Rolle des Systembetreibers und betreut die Kunden. Lidl wird der Namensgeber des neuen Fahrradverleihsystems sein und die Farbgestaltung der vollständig neuen Radflotte prägen. Am erfreulichsten für den Kunden dürfte sein, dass auf die LIDL-BIKES ohne eine gesonderte Anmeldung zurückgegriffen werden kann. Allen registrierten Nutzern von Call a Bike stehen die LIDL-BIKES zur Verfügung und umgekehrt.

a9h1b4031

Wolf Tiedemann von Lidl Deutschland und die DB-Rent-Chefin Sylvia Lier freuen sich über ihr gemeinsames neues Fahrradverleihsystem namens LIDL-BIKES. Im Frühjahr kommenden Jahres geht es mit 3.500 Rädern an den Start. Foto/Rechte: Deutsche Bahn AG

Auch Wolf Tiedemann von der Geschäftsleitung der Lidl Deutschland lobt die Partnerschaft:

„Unser Ziel ist es, nachhaltigster Discounter in Deutschland zu werden. Das Lidl-Bike ermöglicht den Berlinern als zusätzlicher Baustein den Einstieg in die emissionsfreie Mobilität – wie schon mit den ersten Lidl-Ladesäulen für Elektroautos und E-Bikes, die auch in der Hauptstadt installiert werden.“

Derweil hält sich die Freude über das von der Bahn eigenwirtschaftlich betriebene Zusatzangebot beim Senat in Grenzen. Martin Pallgen, Sprecher der für den landeseigenen Fahrradverleih zuständigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, sagt gegenüber shaRAD Space: „Die DB Rent hat ein Konzept für die deutliche Ausweitung ihres Systems bezüglich der Anzahl der Räder innerhalb des S-Bahn-Rings ohne feste Stationen vorgestellt. Wir haben dies zur Kenntnis genommen.“ Und er wird noch deutlicher:

„Rechtlich haben wir keine Grundlage, das Vorhaben der DB zu verhindern, solange der öffentliche Raum so genutzt wird, dass dies keine rechtlichen Implikationen (z.B. Sondernutzung) nach sich zieht. Inwieweit die DB dem gerecht werden kann, bleibt abzuwarten.“

img_20161108_092307841

Heute Morgen ist kein „Call a Bike“ am Bahnhof Yorckstraße zu sehen. An der Schönheit der Stellplätze schieden sich die Geister, nun werden sie ohnehin abgebaut. Sie wären strenggenommen das, was die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt eine „Sondernutzung“ nennt. Foto/Rechte: shaRAD Space

Der Grund für das Ungemach ist offensichtlich: Zum einen hatte sich die Ausschreibung des öffentlichen Bike-Sharing-Systems alles andere als einfach gestaltet. Knapp eineinhalb Jahre hatte sich das Verfahren hingezogen, ehe die Senatsverwaltung in diesem März schließlich die Entscheidung zugunsten von nextbike fällte. Woraufhin der bisherige Betreiber, die DB Rent (mit Call a Bike), Rechtsmittel dagegen einlegte, ihren Antrag jedoch am Ende in der Beschwerdeinstanz wieder zurückzog. Zum anderen aber, und das dürfte aktuell viel schwerer ins Gewicht fallen, fürchten die Senatsverwaltung und nextbike die Kannibalisierung ihres Modells.

Martin Pallgen sagt dazu gegenüber shaRAD Space:

„Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Vorgehen der DB die Wirtschaftlichkeit des vom Land Berlin geförderten Systems beeinträchtigt. Während Nextbike zukünftig an harte, vom Land Berlin vorgegebene Qualitätskriterien gebunden ist, sind solche Anforderungen an das System der DB nicht möglich, da kein vertragliches Verhältnis besteht.“

21.09.2016. Berlin.Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund.Herbstempfang des ADFC Bundesverbandes.

Die Firma Nextbike konnte die Ausschreibung des öffentlichen Fahrradverleihsystems für sich entscheiden und machte in der jüngsten Vergangenheit massiv Werbung. So wie hier beim ADFC-Herbstempfang: Die An- und Abreise erfolgte mit einem nextbike. Quelle/Rechte: Bolesch, ADFC

Wie dünn das Eis im schwelenden Fahrradkrieg zu sein scheint, kann man bloß erahnen, wenn sich selbst der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club in seinen Äußerungen eher vage gibt:

„Wir begrüßen, dass Berlin nach langer Zeit endlich ein adäquates Leihfahrradsystem erhält. Leihräder sind ein großer Gewinn für Besucher der Stadt und können auch für die Mobilität der Berliner eine wichtige Ergänzung sein. Vor allem kombiniert mit dem öffentlichen Nahverkehr stellen Leihräder für viele Menschen eine Alternative zum Pkw dar. Der ADFC Berlin fordert, die Leihfahrräder in die Tarifstruktur des VBB zu integrieren, so ist das Umsteigen von Bahn oder Bus aufs Leihfahrrad am einfachsten.“

Recht hat der Berliner ADFC-Sprecher Nikolas Linck mit dieser Einschätzung natürlich trotzdem. Allein an der letzten Forderung dürfte mittelfristig kein Weg vorbeiführen. Schließlich verglich letzte Woche im Tagesspiegel Nextbike-Sprecherin Mareike Rauchhaus das Doppelangebot mit einem Kampf zwischen David (Nextbike/Senat) und Goliath (Bahn/Lidl). Und wer in diesem Kräftemessen ohne Gesichtsverlust überleben möchte, der kann strenggenommen gar nicht anders, als durch attraktive Tarife zu überzeugen. Die Einbettung der nextbikes in den VBB wäre ein Schritt dorthin. Ein hilfreicher, weil sich dadurch beide Anbieter voneinander abgrenzen und ergänzen würden. Konkurrenz belebt eben das Geschäft. cl

Advertisements

Ein Gedanke zu “Konkurrenz belebt das Geschäft – 3.500 LIDL-BIKES der Deutschen Bahn entern Berlin

  1. Pingback: Nextbike wettert gegen die Bahn: Berlins Senat geht auf Distanz | shaRAD SPACE

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s