Nextbike wettert gegen die Bahn: Berlins Senat geht auf Distanz

40b7498c-32ee-425a-aaff-7e21f18bb40e

„Mit Steuermilliarden kann Bahn sogar Fahrrad.“ Mit diesem Slogan will nextbike bundesweit auf die aus seiner Sicht unfairen Wettbewerbsbedingungen aufmerksam machen. Foto: Redaktion shaRAD Space

Berlin/Leipzig – Mit der Nachricht hat die Deutsche Bahn selbst Branchenkenner überrascht, als sie vor gut zwei Wochen zusammen mit ihrem Sponsor LIDL verkündet hatte, das Fahrradverleihsystem Call a Bike in Berlin trotz verlorener Ausschreibung fortsetzen zu wollen (shaRAD Space berichtete). Rund 3.500 silber-grüne LIDL-Bikes werden der Staatskonzern und die Neckarsulmer Handelskette ab kommenden Frühjahr als so genannte Free-Floater innerhalb des S-Bahnrings platzieren und betreiben.

a9h1b4031

Im Frühjahr kommenden Jahres wollen die Deutsche Bahn und die Handelskette Lidl mit 3.500 Rädern an den Start gehen und fordern damit das Land Berlin und nextbike heraus. Foto/Rechte: Deutsche Bahn AG

Dagegen wiederum regt sich nun massiver Widerstand. Schon die zuständige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt hatte shaRAD Space gegenüber keinen Hehl daraus gemacht, alles andere als erfreut über den Vorstoß der Bahn zu sein. Schließlich befürchtet man dort Kannibalisierungseffekte zulasten des landeseigenen Bike-Sharings. Im Unterschied zu den LIDL-Bikes, die registrierten Nutzern von Call-a-Bike ohne eine separate Anmeldung zur Verfügung stehen, können die Nextbikes nicht freizügig abgegeben werden. Sie sind stationsgebunden, was den Wettbewerbsdruck noch einmal erhöhen dürfte.

Über Kritik von nextbike würde sich also kaum einer wundern müssen. Dass man im Hause des Leipziger Unternehmens allerdings gleich eine bundesweite Kampagne schaltet, hätte wohl niemand ernsthaft in Erwägung gezogen. Seit dem 9. November prangen an dessen Leihrädern gut sichtbar Sätze wie „Gegen die Steuermilliarden der Bahn ist kein Kraut gewachsen“, „Als schlechter Verlierer wird die Bahn nun Steuermittel-Riskierer“ oder „Mit Steuermilliarden kann Bahn sogar Fahrrad“.

Nextbike will damit gegen die aus seiner Sicht unzulässige Wettbewerbsverzerrung mobil machen. Ralf Kalupner, Gründer und Geschäftsführer von nextbike, sagt dazu:

„Die Bahn kann in unserer Branche beliebig viel investieren unabhängig vom wirtschaftlichen Erfolg des Projekts. Mit unserer Kampagne möchten wir die Mitglieder der Bundesregierung auf diesen Missstand hinweisen. Eine verkehrstüchtige Bahn braucht Schranken und die fehlen zweifelsohne in diesem Fall.“

Laut Kalupner betreibe die Deutsche Bahn AG mit Call a Bike vielerorts defizitäre Fahrradverleihsysteme und habe allein in den letzten zwei Jahren sämtliche Ausschreibungen (z.B. Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe und Köln) verloren. Für Kalupner steht damit fest, dass sich die DB Rent GmbH „nahezu unendlicher Steuermittel aus dem DB Konzern“ bedient, um „ein mittelständisches Unternehmen wie nextbike mit seinen mehr als 200 Arbeitsplätzen aus dem Markt zu drängen, wie man an dem aktuellen Beispiel in Berlin sieht.“

Zweifel an der Wirtschaftlichkeit der LIDL-Bikes hat auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Ohnehin steht sie zwei parallel zueinander konkurrierenden Fahrradverleihsystemen eher skeptisch gegenüber, weil sie befürchtet, dass der Markt überfrachtet werden könnte. Mit den zwischen nextbike und dem Land Berlin ausgehandelten 700 Stationen und 5.500 Rädern ist der Bereich des S-Bahnrings nach Auffassung der Senatsverwaltung bereits angemessen abgedeckt.

Gleichwohl distanziert man sich auf Behördenseite sehr deutlich von der Kampagne. Martin Pallgen, Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, erklärt gegenüber shaRAD Space:

„Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt wurde durch nextbike über die beschriebene Kampagne informiert. Wir haben unsere Skepsis bezüglich dieser Art der Kommunikation kundgetan, können aber einem privatwirtschaftlich agierendem Unternehmen nicht verbieten, so zu handeln. Klar ist: Die Kampagne ist nicht Teil des Auftrags des Landes Berlin und steht auch formal in keinem Bezug dazu. Nextbike nutzt für die Kampagne Räder, die unabhängig vom Vertrag mit SenStadtUm unterwegs sind, nicht die jetzt im Rahmen des Modellversuchs installierten neuen Räder. Letzteres wäre nicht vertragskonform.“

Ob diese Trennung am Ende für jeden Kunden ebenso deutlich wird, bleibt fraglich. Schließlich stehen derlei Velos von nextbike auch im Einzugsbereich bedeutender Orte wie dem Brandenburger Tor.

Und noch etwas hat bei genauerer Betrachtung ein Geschmäckle. In der Pressemitteilung vom 9. November holt Kalupner zum großen Schlag gegen die Bahn aus und skandiert:

„Wer annimmt, das neu vorgestellte LIDL-Bike funktioniere ohne Steuergelder, liegt falsch. Denn bereits bei der Ausschreibung hatte die Bahn einen Sponsor einkalkuliert, was dafür spricht, dass zusätzliche öffentliche Mittel benötigt werden, um die Kosten für ein System in dieser Größe zu decken. Es ist klar, dass die dafür benötigten rund 5 Mio. Euro an Investitionen nicht auf einmal durch den Sponsor bereitgestellt werden, ganz zu schweigen von den enormen Betriebskosten. Die Einführung von LIDL-Bike ist ein Affront gegenüber dem Land Berlin und ein Dumping-Krieg gegen uns. Das Risiko dieses Unterfangens trägt einzig und allein der Steuerzahler.“

Radschnellweg Ruhr

Das metropolradruhr ist ein Verlustgeschäft. Mit Kooperationspartnern und städtischen Geldern konnte das flächenmäßig größte zusammenhängende Fahrradverleihsystem, das von nextbike in Deutschland betrieben wird, vorerst gerettet werden. Foto: Christian Linow

Aber selbst dann, wenn dieser Vorwurf – auch nur in Teilen – zutrifft, muss sich der Manager die Frage gefallen lassen, ob das bei nextbike denn wirklich anders ist. Beim metropolradruhr, das nextbike seit Auslaufen der Bundesförderung im Jahre 2013 eigenwirtschaftlich betreibt, hatte die WAZ noch letzten Dezember getitelt: „Metropolradruhr: Leihfahrräder kommen nicht aus den roten Zahlen“. Ein Grund für das 300.000 Euro schwere Defizit laut Informationen des Blatts: Die Werbeeinahmen, „denn diese seien bislang hinter den Erwartungen zurückgeblieben.“ Abgesehen davon ließ man im selben Artikel aus Leipzig knapp verlauten: „Ein Fahrradleihsystem lasse sich nicht allein durch Einnahmen aus dem Verleih finanzieren.“

Die Kuh vorerst vom Eis geholt haben nextbike und der zuständige Aufgabenträger, der Regionalverband Ruhr, übrigens mit Kooperationspartnern wie der Ruhr-Uni Bochum oder der Mülheimer Wohnungsbau MWB – und mit städtischen Geldern. cl

Advertisements

2 Gedanken zu “Nextbike wettert gegen die Bahn: Berlins Senat geht auf Distanz

  1. Richtig ist jedenfalls, dass die DB Rent GmbH 100%ige Tochter der DB ist. Der Konzern ist so trickreich konstruiert, dass man nicht wie bei einer solchen GmbH üblich wenigstens die elementarsten Daten im Bundesanzeiger einsehen kann. Und was machen die politischer Kontrolleure des Ganzen? Eigentlich das gleiche wie bei Stuttgart-21.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s