In was für einer Stadt will ich leben? In einer, wo die Würde unantastbar ist!

Feinstaubalarm

In was für einer Stadt wollen wir leben? In einer mit Feinstaub-Alarm wohl kaum. Alleine in Deutschland sterben jedes Jahr ca. 35.000 Menschen früher an den Folgen des Smogs. Foto: Christian Linow

Eine Kolumne von Christian Linow

Stuttgart – Der gestrige Morgen hat zwar nicht mich, sehr wohl aber in mir etwas verändert. Präsenter denn je ist für mich die Frage geworden: In was für einer Stadt will ich leben? Vor allem aber: In was für einer Stadt sollen meine Kinder leben?

Im Augenblick ist es eine Stadt, in der seit Tagen wieder der Feinstaubalarm ausgerufen ist. Mehr eine politische Phrase, von der ich eigentlich bloß noch beiläufig Notiz nehme, wenn ich – wie fast jeden Tag – mit meinem Fahrrad die Inselbrücke passiere und einen Blick auf die sich unter mir erstreckende gelbe Autobahn werfe. Die Kulisse auf der B 10 ist dabei unverändert gleich. Wortwörtlich genommen ein in Asphalt gemeißeltes Stillleben, bei dem sich Vehikel an Vehikel aneinander reiht. Nur die Dekoration ist ad interim eine andere. Schriftzüge auf knalligem roten Grund appellieren an die Autofahrer, auf öffentliche Verkehrsmittel bzw. das Fahrrad umzusteigen oder einfach mal (wieder) zu Fuß zu gehen. Was bleibt, ist das Geschmäckle, wie man hier zu sagen pflegt. Ein Geschmäckle von politisch schrill skandierten Maßnahmen, deren Durchsetzungswille nur von einem Motto beherrscht wird: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! Und ein Geschmäckle, das speziell dieser Tage in Mund und Nase hängenbleibt: Der Feinstaub.

Mittlerweile glaube ich ihn sogar riechen zu können, insbesondere morgens. Auch gestern Früh hing der Mief wie eine Glocke über mir und meinen beiden kleinen Kindern. Ohnehin ist der Weg zur Kita alles andere als angenehm, eher so etwas wie ein Überlebens-Fußgänger-Sicherheitstraining oder ein Verkehrsexperiment am lebenden Objekt. Keineswegs übertrieben, wenn man von einer Hauptschlagader wie der Hedelfinger Filderauffahrt spricht, deren Ausläufer namens Rohrackerstraße tagtäglich 25.000 Kraftfahrzeuge befahren – unter ihnen eine Vielzahl an Lkw sowie Omnibussen. Weil das natürlich noch nicht ausreicht, haben sich die Verkehrsplaner einiges einfallen lassen, um den Schwierigkeitsgrad nach allen Regeln der Kunst und Technik zu erhöhen.

So unterschreitet der Gehweg mit einer effektiven Breite von 1,43 Meter inklusive Bordstein auf beiden Seiten sogar das in den „Richtlinien für Anlagen des Fußgängerverkehrs“ 1972 festgelegte Mindestmaß von 1,50 Meter. Anstelle einer Ampel oder zumindest eines Zebrastreifens gibt es für zu Fuß Gehende lediglich eine Querungshilfe, im Gegensatz dazu jedoch für die Autofahrer davor und dahinter breit angelegte Abbiegespuren. Eine von ihnen mündet geradewegs in eine Sackgasse! Auf diese Weise ist es den Ingenieuren gelungen, aus einem 400 Meter langen Weg zum Kindergarten einen Hindernisparcours zu machen, für den man bis zu 15 Minuten Fußmarsch schon einrechnen sollte. Vorausgesetzt man überlebt ihn, erst recht in der dunklen Jahreszeit. Denn nicht wenige Autofahrer schenken lieber ihrem Smartphone die volle Aufmerksamkeit, als am Wegesrand auf den günstigen Moment wartenden Fußgängern.

Genau an dieser Stelle war ich gestern Morgen mit einer Mutter aus der Nachbarschaft auf das Thema Verkehr zu sprechen gekommen – passender hätte ein Ort eigentlich nicht sein können. Entschieden kritisierte sie die Parkplatzsituation im gesamten Wohngebiet und meinte mit Blick auf die nur wenige Schritte entfernte Reihe von Stellflächen, auf der sich die Stuttgarter Straßenbahnen AG übrigens seit Langem eine Busspur wünscht:

„Wir brauchen hier dringend mehr davon!“

Zwischen Baum und Borke

Für mich war es einer dieser Momente, in denen man zwischen Baum und Borke steht, weil sich jede Antwort irgendwie falsch anfühlt. Schließlich mögen meine Frau und ich sowohl sie als auch ihren Mann und selbstredend deren Kinder, mit denen unsere des Öfteren vergnügt spielen. Aber ich musste mich entscheiden: Würde ich den Diskurs leichtfertig diplomatisch auf einen Smalltalk lenken, der meine politischen Ideale und Überzeugungen indirekt verrät, oder würde ich die Eskalation suchen, da Autos und Parkplätze gesellschaftlich polarisieren. Blitzartig schoss mir ein Zitat meiner Fahrlehrerin ins Hirn, vor dem ich erschrak:

„Wenn du mit jemandem nichts mehr zu tun haben willst, sag ihm, dass er nicht Auto fahren kann!“

Ich entschied mich letzten Endes für die unbequeme Variante, indem ich skandierte:

„Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger Parkplätze.“

Minutenlang lieferten wir uns einen interessanten Schlagabtausch. Sie meinte, dass öffentliche Verkehrsmittel für sie auf keinen Fall in Frage kämen. Und ich rechnete ihr vor, dass sie selbst bei einem kulant geplanten Fußweg zur Haltestelle mit der Stadtbahn immer noch fünf Minuten schneller als mit dem Auto sei. Dafür jedoch in den allermeisten Fällen verlässlich. Sie hob ihre Flexibilität hervor und ich konterte mit dem Feinstaub. Sie verwies auf Elektroautos, woraufhin ich die ungerechte Flächenverteilung anführte, die unabhängig vom Antrieb als Problem fortbestehen wird.

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Besser als mit diesem Bild kann man die Flächenverschwendung wohl kaum beschreiben. 1991 setzte die Stadt Münster den Vergleich in Szene. Quelle / Rechte: Foto Presseamt Münster

Die Würde des Menschen

Irgendwann im Verlauf unserer Kontroverse stellte ich ihr eine Frage, für die es keinen geeigneteren Platz als den an der rushhourgefluteten Filderauffahrt hätte geben können: „Möchtest du hier direkt an der Straße wohnen?“ Postwendend lautete ihre Antwort „Nein“. Ich indes präzisierte meine These, die mir mit jeder ausgesprochenen Silbe überhaupt erst selbst so richtig klar wurde:

„Ob sie an so einer Straße wohnen wollen oder nicht: Diese Frage stellt sich vielen Menschen nicht mehr. Ihnen bleibt wegen ihres Einkommens oft nur noch solcher Wohnraum übrig. In unserem Grundgesetz aber heißt es, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Ist es damit nicht ungerecht, wenn man auf Kosten anderer lebt und ihnen etwas zumutet, das man sich nicht antun möchte?“

Seitdem merke ich, wie mich mit voller Wucht die Erkenntnis erreicht, dass es um weit mehr geht als nur die schnöde Frage „Bikes vs. Cars“. Saskia Kluit, Geschäftsführerin des niederländischen Fahrradverbandes Fietsersbond, hat die Botschaft unlängst während eines Symposiums des ADFC in Worte gefasst:

„Fragt die Menschen nicht danach, ob sie mit dem Fahrrad fahren wollen oder mit dem Auto. Fragt sie: Wo wollt ihr leben? Wie wollt ihr leben?“

Ich für meinen Teil möchte jedenfalls nicht in einer Stadt leben, in der es keine bezahlbaren Wohnungen mehr gibt und keinen Raum für Spielplätze, während Autos ganz selbstverständlich 19-mal mehr Fläche für sich beanspruchen können als Fahrräder. Vor allen Dingen will ich aber nicht, dass jährlich alleine in Deutschland 7.000 Menschen ihr Leben durch Smog lassen, die ausschließlich das Auto auf dem Gewissen hat. Das Max-Planck-Institut hatte diese Zahlen in einer breit angelegten Studie eruiert und letztes Jahr Alarm geschlagen. Nebenbei bemerkt sind die Abgase nicht mal das Hauptproblem. Etwa dieselbe Menge an gefährlichen Partikeln wird beispielsweise durch den Reifenabrieb und das Bremsen erzeugt. Barium, Chrom, Nickel und Gummi sind nur wenige Beispiele aus dem Reigen des Giftcocktails, den auch ein Elektroauto nicht beseitigen kann.

Als Eltern wird einem diese Gefahr spätestens dann bewusst, wenn man realisiert:

Auch unsere Kinder könnten zu den jährlich rund 1.000 Toten in Europa gehören, die unter fünf Jahren an durch Feinstaub verursachten oder verschlimmerten Krankheiten sterben. Weltweit sind es nach Angaben der UNICEF sogar 600.000.

Es geht nicht darum, ob ich mit dem Auto, den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad fahre beziehungsweise zu Fuß gehe. Und es macht weder mich zu einem besseren Menschen, wenn ich auf dem Velo hocke, noch wird die Mutter aus der Nachbarschaft zu einem schlechteren, weil sie in ihrem motorisierten Vehikel sitzt. Es geht darum, dass alle Menschen gleich sind. Warum also sollte dieser Grundsatz ausgerechnet vor dem Komplex Mobilität haltmachen?

„Solam scripturam regnare“, verkündete Martin Luther in seiner Freiheitserklärung von 1520. Was nicht weniger meint, als nur die Schrift Grundlage des christlichen Glaubens ist, nicht aber die kirchliche Tradition. Im übertragenen Sinne kann das auf den Verkehr bezogen nur heißen: Nicht Bräuche und Sitten dürfen – ohne sie zu hinterfragen – unser Miteinander bestimmen, sondern ein objektiver Blick auf die Bedürfnisse aller muss das Fundament einer urbanen Zivilisation ausmachen. Martin Luther verschaffte jedermann Zugang zur Bibel. Es ist an der Zeit, dass wir das bei unseren Verkehrsflächen jetzt genauso machen.

PS: Ich bin kein Autohasser. Meine Frau und ich haben selbst eines, das wir gemeinsam nutzen – nur eben so wenig wie möglich und selten in der Stadt. Denn wie sagt der Wiener Stadtplaner Hermann Knoflacher so treffend: „Das Auto ist für die Stadt in etwa das Gleiche wie der Elefant für ihr Schlafzimmer.“ cl

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