Stuttgarts Critical Mass: Ohne Gegner macht es keinen Spaß

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Anders als es das Schild glaubend machen will, gehört die Stadt auch den Radfahrern. Gegenwärtig einmal im Monat, zukünftig hoffentlich tagtäglich. Foto: Andreas Welch

Stuttgart – Mit 270 Teilnehmenden hat die Stuttgarter Critical Mass am vergangenen Freitag einen weiteren Rekord gebrochen. Mehr Menschen als noch im Jahr zuvor demonstrierten auf zwei Rädern „mit Ritzeln gegen Rußpartikel“. Derweil scheint dieses von der Critical-Mass-Größe Alban Manz skandierte Motto wohl aktueller denn je.

Seit 15. Oktober blasen die Stadtoberen Stuttgarts – geflügelt ausgedrückt – mit Auspuffen zur Feinstaub-Saison. Ein Begriff, der in Anbetracht von vier Alarmen alleine in dieser Zeit und bundesweit durchschnittlich 35.000 durch Smog bedingten vorzeitigen Sterbefällen pro Jahr fast schon zynisch daherkommt. Dabei ist die Luft in Deutschland nirgendwo dreckiger als in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Ende November lag der Messwert am Neckartor laut Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) bei 131 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die von der EU festgelegte Grenze beträgt 50 Mikrogramm. Im Gegensatz jedoch zum weltweiten Trend setzt man im Zentrum am Nesenbach nicht etwa auf einen Straßenrückbau mithilfe von (geschützten) Radspuren, sondern auf Moos.

provisorische Mooswände werden an der Cannstatter Str. aufgestellt

In Stuttgart setzt man weniger auf den Straßenrückbau und mehr Radspuren, sondern auf bemooste Wände im Kampf gegen den Feinstaub. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth, Rechte LHS

Mit spitzer Zunge könnte daraufhin manch einer das Sprichwort „Ohne Moos nix los“ anders deuten. Denn immer wieder verweisen die mächtigen Interessenverbände der Wirtschaft auf die mitunter vermeintliche Bedeutung des motorisierten Individualverkehrs für die Schwabenmetropole. Anstelle eines wegweisenden urbanen Stadtumbaus, wie ihn Kopenhagen längst vollzogen, Paris seit einigen Jahren in Angriff genommen hat oder wie er selbst in den Vereinigten Staaten vielerorts aufkeimt, werden hierzuländle lieber Wände mit Moos an stark befahrenen Straßen errichtet. Das wiederum dürfte einigen wohl genauso weltstädtisch erscheinen wie der Nesenbach, an dem die deutsche Hochburg des Feinstaubs liegt.

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Ritzel statt Rußpartikel. Bilder sprechen mehr als Worte. Foto: Andreas Welch

So verwundert es dann nicht, wenn hier und da bei so viel Beratungsresistenz der Politik auch innerhalb der Radaktivisten die Frage aufkommt: „Bringt die Critical Mass überhaupt was?“ Die Antwort darauf ist simpel: Ja. Alban Manz hat es in einer Fernsehdokumentation einmal sehr treffend zusammengefasst:

„Die Leute haben es einfach vergessen, wie praktisch das ist. Man muss es ihnen ständig zeigen und sagen, guck mal hier, die Lösung ist ganz einfach. Wenn ihr im Stau steht, nehmt das Fahrrad und fahrt am Stau vorbei.“

Das ist es, worum es der Critical Mass am Ende geht. Sie will, dass das Fahrradfahren wieder ins Bewusstsein der Bevölkerung rückt. Spätestens dann, wenn sich die Pulkradler eines fernen Tages nicht mehr an jedem ersten Freitag um 18.30 Uhr am Feuersee treffen, ist das Ziel erreicht. Bis dahin aber werden sie kämpfen: für eine gerechtere Flächenverteilung und eine bessere Radinfrastruktur. Weil es wichtig ist und „weil es ohne Gegner keinen Spaß macht“, sagt Alban Manz mit einem Augenzwinkern. cl


Videos von der Stuttgarter Critical Mass am 2. Dezember 2016 – Quelle/Rechte: Andreas Welch

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