Hätten Sie’s gewusst? Gestern war autofrei

FAHRT SMART

„FAHRT SMART“ lautet das Motto von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Am autofreien Tag galt das anscheinend nicht. Eigentlich sollte er mehr Aktionismus in Sachen Feinstaub zeigen. Foto: Christian Linow

Stuttgart/Berlin – Jedes Jahr am selben Tag ist es so weit: Deutschlands Straßen sind wie leer gefegt. Keine lärmenden Motore stören, dafür klingelt es hier und da inmitten der Scharen von Radfahrern, denen an diesem 22. September der Asphalt gehört. Bahnen und Busse legen eine Schaufel drauf, um dem Ansturm auf den ÖPNV gerecht zu werden. Wie, Sie haben nichts davon mitbekommen, als Sie gestern mit dem Auto zur Arbeit gefahren sind und wie jeden Tag im Stau standen? Sie haben von alledem nichts bemerkt, als Sie sich mit Ihrem Drahtesel an denselben Kreuzungen durch die gewohnten Metall-Lawinen schlängeln mussten?

Ja, das kann sein und könnte daran liegen, dass außer den Initiatoren eigentlich niemand so richtig von dem „Autofreien Tag“ etwas wusste. Einmal abgesehen von der Deutschen Bahn und dem Autovermieter Sixt. Beide hatten sich gestern auf Facebook einen humorvollen Schlagabtausch geliefert und damit auf den europäischen Tag zur motorisierten Vehikelabstinenz abgehoben, wie HORIZONT berichtet.

Ansonsten jedoch lautet die Antwort auf die Frage, ob es weniger Pkw gegeben habe, aus allen Lagern in etwa gleich. Weder beim ÖPNV noch auf der Straße waren spürbare Effekte feststellbar.

Markus Falkner, Pressesprecher der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), erklärte gestern auf Anfrage von shaRAD Space: „Wir haben und hatten heute bei U-Bahn, Bussen und Straßenbahn in Berlin normale Fahrgastzahlen für diese Jahreszeit und die gute Wetterlage. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen der vergangenen Jahre.“

Und eine Sprecherin der Polizei Frankfurt konstatiert, dass die Verkehrslage unverändert gewesen sei. Sie wolle aber die Recherche zum Anlass nehmen, den „Autofreien Tag“ vorausblickend auf das nächste Jahr zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen zu thematisieren.

Immerhin, denn ausgerechnet im von Feinstaub geplagten Stuttgart ist man, was diese Aktion anlangt, wesentlich distanzierter. Kurz und knapp heißt es von Sven Matis, dem Leiter der Pressestelle der Stadt Stuttgart:

„An diesem Tag hat sich die Landeshauptstadt nicht beteiligt.“

Das ist insofern bemerkenswert, als die schwäbische Metropole ansonsten recht gerne auf Freiwilligkeit setzt. Sie ist die erste Stadt in Deutschland, die in Abhängigkeit der Emissionswerte und der Witterungslage bisweilen Feinstaubalarm ausruft. Bislang ist der jedoch fakultativ, vielmehr ein mit massig Brimborium medienwirksam in Szene gesetzter Appell an die Bürgerinnen und Bürger, das Auto stehenzulassen. Vor wenigen Tagen noch ließ Oberbürgermeister Fritz Kuhn in diesem Zusammenhang verlauten:

„Auch in der neuen Feinstaubalarm-Saison setzen wir auf die Freiwilligkeit der Bevölkerung. Denn ich glaube daran, dass es besser ist auf Freiwilligkeit als auf Verbote zu setzen.“

Aber wäre denn so etwas wie der „Autofreie Tag“, der in Europa von verschiedenen Umweltverbänden und Kirchen initiiert und unterstützt wird, kein geeigneter Anlass, um eine Vekehrswende anzuschieben? cl

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Sikorskis Vision ist längst Wirklichkeit – Zeit für neue Taten

Frankfurt – Rund 3.000 Radbegeisterte machten gestern während der sechsten ADFC bike-night in Frankfurt die Nacht zum Tag und nahmen mit der A 66 unter dem Motto „Mehr Platz für Radler – nicht nur heut’ Nacht!“ selbst die letzten sicher geglaubten Bastionen von Autofahrern ein. Und Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir ging – oder besser gesagt: fuhr – mit bestem Beispiel voran. In der Nacht twitterte er:

„Rückweg von der ADFC #bikenight. Bin heute der 3101. Radler an der Zählstelle im Hafen Offenbach …“

In seiner Rede während der Zwischenkundgebung an der Sophienstraße / Ginnheimer Straße hatte Al-Wazir bereits gesagt, dass Frankfurts erster grüner Verkehrsdezernent, Lutz Sikorski, eine Vision gehabt habe. Einst habe er sich gewünscht, dass es für jeden Banker selbstverständlich sein solle, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren.

Diese Vision ist längst Realität, spätestens seit sich mit der KfW – Kreditanstalt für Wiederaufbau – sogar eine Bank bei der Stadt für die Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur starkmacht.

Die soll, wenn es nach dem Willen des derzeitigen Verkehrsdezernenten
Klaus Oesterling geht, weiter rasch ausgebaut werden. Oesterling, der vor allem als ÖPNV-affin gilt und nicht mal einen eigenen Dienstwagen besitzt, legte den Fokus in seiner Ansprache vor allem auf abschließbare Fahrradboxen, um die Abstellmöglichkeiten für Radfahrende nachhaltig zu verbessern. Frankfurts ADFC-Sprecher Bertram Giebeler mahnte sodann zur Besonnenheit: Man will die Leute nicht an den Worten, sondern ihren Taten messen, lautet in etwa die Quintessenz.

In Vorleistung ist die politische Riege diesbezüglich zumindest insofern gegangen, als sie mit Tarek Al-Wazir und Klaus Oesterling zwei prominente Vertreter wortwörtlich ins Rennen geschickt hat. Tapfer haben beide auf dem Rundkurs vom Römerberg durch Bockenheim, Nord- und Westend Flagge gezeigt. Das verdient zunächst einmal Anerkennung. Und es lässt Platz für den Wunsch nach einem Ansteckungseffekt. Wie wäre es zum Beispiel, wenn Baden-Württembergs Verkehrsminister Windfried Hermann und der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn auf der kommenden Critical Mass Stuttgart am 7. Oktober eine Allianz bildeten und ab 18.30 Uhr den Korso vom Feuersee durch die Feinstaubhochburg der Republik anführten? cl/rh