Fahrradfahren in deutschen Städten: Ein frustrierendes Suchspiel

Fahrradfahren in der Stadt

Radfahren in Deutschland darf keine Frage des Alters sein. Quelle/Rechte: Westrich/ADFC

Goslar/Berlin – Heute beginnt in Goslar der Verkehrsgerichtstag. Es geht unter anderem um die Sicherheit des Radverkehrs. Angesichts steigender Unfallzahlen bei älteren Radfahrerinnen und Radfahrern fordert der ADFC den bundesweiten Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur, verpflichtende Fahrassistenzsysteme für Lkw sowie Pkw und besondere Rücksicht auf Senioren im Straßenverkehr.

ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork sagt:

„Die lückenhafte Fahrrad-Infrastruktur und der ungebremste Autoverkehr in Deutschland sind schon für topfitte Radfahrer eine Zumutung. Für Ungeübte und Ältere werden sie schnell zur Gefahr. Wir brauchen mehr Platz für den Radverkehr – und zwar zulasten des Autoverkehrs, damit endlich durchgängige, breite und komfortable Radwegenetze angelegt werden können. Auch die wachsende Generation 70plus hat ein Recht darauf, als Fahrrad- oder Pedelecfahrer sicher unterwegs zu sein. Es kann nicht sein, dass wir diesen Menschen sagen müssen: Steigt am besten ins Auto, dort seid ihr sicher!“

Intuitiv verständliche Infrastruktur

Während für Autofahrer fast immer problemlos zu erkennen ist, wo gefahren werden muss, finden Radfahrer oft chaotische, unverständliche Zustände vor: buckelige Bordsteinradwege mit oder ohne Benutzungspflicht, konfliktträchtige gemeinsame Geh- und Radwege, irritierende linksseitige oder Zweirichtungsradwege, zugeparkte Radfahr- und Schutzstreifen oder auch gänzliche fehlende Infrastruktur – und an jeder Kreuzung ändert sich das System. Stork:

„Fahrradfahren in deutschen Städten ist ein frustrierendes Suchspiel. Radfahrer wissen nicht, wohin sie gehören – und Autofahrer wissen nicht, wo sie mit Radfahrern rechnen müssen. Wir brauchen ein intuitiv verständliches, durchgängiges Radverkehrssystem mit großzügigen Abmessungen, das dem wachsenden Radverkehr gerecht wird.“

Verpflichtende Fahrassistenzsysteme für Lkw und Pkw

Häufigste Unfallkonstellation sind Kollisionen mit abbiegenden Kraftfahrzeugen unter Missachtung der Vorfahrt des Radfahrers. Deshalb müssen nach Ansicht des ADFC elektronische Assistenz-Systeme – Abbiegeassistent, Notbremsassistent und andere – die Gefahr, die von Kraftfahrzeug-Führern ausgeht, minimieren. Die Unfallforschung der Versicherer hat ermittelt, dass 60 Prozent der schweren Lkw-Fahrrad-Unfälle durch entsprechende Assistenzsysteme verhindert werden können. Stork: „Solche Sicherheitssysteme gibt es bereits marktreif, sie müssen aber auf EU-Ebene verbindlich gemacht werden, sonst werden sie aus Kostengründen einfach eingespart!“

Besondere Rücksicht auf Senioren

Der ADFC fordert außerdem, dass Senioren im Straßenverkehr deutlich mehr Rücksicht entgegengebracht wird. Stork dazu: „Gott sei Dank verhalten sich die meisten Autofahrer gegenüber Kindern bereits rücksichtsvoll, bremsen ab, rechnen mit Unvorhersehbarkeiten. Dieselbe Rücksicht brauchen wir auch gegenüber Senioren! Auch bei Älteren muss man mit Fehlverhalten rechnen, ihre Beweglichkeit nimmt ab, das Richtungshören funktioniert nicht mehr so gut. Polizei und Gerichte müssen rücksichtsloses Verhalten gegenüber Älteren genauso stark sanktionieren, wie gegenüber Kindern.“

Radfahren in Zahlen

50 Millionen Bundesbürger fahren Fahrrad, etwa 11 Millionen davon täglich. Etwa 10 Prozent der Wege werden mit dem Rad zurückgelegt. Politisch erwünscht ist, das Fahrradfahren noch deutlich attraktiver zu machen – denn es hält fit und wirkt Verkehrs- und Klimaproblemen entgegen. Aber: Im Durchschnitt stirbt jeden Tag in Deutschland ein Radfahrer, alle sieben Minuten wird einer verletzt (2015: 383 getötete, 77.793 verletzte Radfahrer). Bei den Kollisionen mit Kraftfahrzeugen ist in 75 Prozent der Fälle der Autofahrer Schuld, bei den Lkws sind es sogar 80 Prozent. Zwischen 1991 und 2015 ist die Zahl der über 65-jährigen verunglückten Radfahrer von 6.585 auf 13.685 gestiegen. Weil immer mehr Ältere mit dem Fahrrad oder Pedelec unterwegs sind, ist eine weitere Zunahme zu befürchten. Quellen: Sinus Fahrradmonitor 2015, BMVI Radverkehr in Deutschland, Destatis Kraft- und Fahrradunfälle im Straßenverkehr 2015.

Pressemitteilung ADFC

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Hannover, Oldenburg und Bentheim sind ausgezeichnet fahrradfreundlich

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Minister Olaf Lies überreichte mit Prof. Dr. Axel Priebs (links), Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen Niedersachsen/Bremen (AGFK), Stadtbaurätin Gabriele Nießen (2. von rechts) und Kerstin Goroncy (2. von links) das Zertifikat. Foto: Stadt Oldenburg

Hannover – Verkehrsminister Olaf Lies hat gestern erstmals gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen Niedersachsen/Bremen (AGFK), Prof. Dr. Axel Priebs, den Landkreis Grafschaft Bentheim, die Stadt Oldenburg, die Landeshauptstadt Hannover und die Region Hannover als „Fahrradfreundliche Kommune Niedersachsen“ ausgezeichnet. Das erstmals in Kooperation mit der AGFK verliehene Zertifikat löst nach über vierzehn Jahren den gleichnamigen Landespreis ab und soll eine gezieltere und nachhaltigere Radverkehrsförderung unterstützen. Neun neue Mitglieder innerhalb der letzten zwölf Monate und damit ein Netzwerk aus 39 AGFK-Kommunen unterstreichen dies.

Dank der veränderten Rahmenbedingungen war es den Städten und Gemeinden zum ersten Mal möglich, sich gezielt auf die Zertifizierung zu bewerben. Generelle Voraussetzung sind die AGFK-Mitgliedschaft und ein bestehendes Konzept zur Radverkehrsförderung. Die Jury in diesem Jahr bestand aus Vertretern des niedersächsischen Verkehrsministeriums, des AGFK-Vorstandes und der AGFK-Geschäftsstelle, der kommunalen Spitzenverbände, des ADFC Niedersachsen, der TourismusMarketing Niedersachen, der Landesverkehrswacht Niedersachen sowie den verkehrspolitischen Sprechern aller Landtagsfraktionen. Folgende Bereiche gingen in die Bewertung der Jury ein: kommunalpolitische Zielsetzungen im Konzept, Infrastruktur, Verkehrssicherheit, Radtourismus, fahrradfreundliches Klima und Berufsradverkehr. Die jährliche Auszeichnung bescheinigt den Kommunen für fünf Jahre, eine der fahrradfreundlichsten Kommunen Niedersachsens zu sein.

Minister Lies sagte: „Fahrradfahren macht Spaß, hält fit und schont die Umwelt. Mit unserer Auszeichnung schaffen wir in den Kommunen Anreize, das Radfahren noch attraktiver zu machen. Alle vier Preisträger überzeugen mit einem guten Konzept und vielen innovativen Projekten, die den Radverkehr in Niedersachsen voranbringen. Ich freue mich sehr, den neuen fahrradfreundlichen Kommunen in Niedersachsen heute persönlich gratulieren zu können.“

Der Landkreis Grafschaft Bentheim überzeugte die Jury insbesondere mit einer sehr guten Verkehrslenkung und verschiedenen herausragenden Projekten. Beispielsweise produzierte der Landkreis einen Film für Flüchtlinge, der verschiedene deutsche Verkehrsschilder erklärt. Außerdem lobte die Jury die Verkehrserziehung an Grundschulen und den sehr guten Zustand der Radwege.

In Oldenburg hat der Radverkehr einen Anteil von rund 40 Prozent am Gesamtverkehr. Die Jury war beeindruckt von der innovativen Steuerung der großen Fahrradströme an den Knotenpunkten, wo bedarfsabhängig Grünzeiten für den Radverkehr verlängert werden. Eine Wärmebildkamera erkennt die Anzahl an Fahrradfahrern und passt die Länge der Grünphase dementsprechend an. Diese Technik ist bisher einzigartig in Deutschland.

Die Landeshauptstadt Hannover erhielt das Zertifikat für eine breite und konzeptionell aufgestellte Radverkehrsförderung, die durch viele neuartige Projekte flankiert wird. Der blaumarkierte City-Ring zum Beispiel zeigt Radfahrern in der Innenstadt, welche Straßen für Radfahrer besonders geeignet sind. Außerdem gibt es Ampelgriffe und Trittbretter, die das Halten an Ampeln bequemer machen.

Die Region Hannover konnte mit dem ganzheitlichen „Handlungskonzept Radverkehr umsteigen: aufsteigen“ überzeugen, welches einen Schwerpunkt auf die Vernetzung von Radverkehr und ÖPNV legt. Dafür hat die Region „Bike & Ride“-Stationen eingerichtet und Stadtbahnen mit zusätzlichem Platz für Fahrräder ausgestattet. Des Weiteren unterstützt sie die Aktivitäten der regionsangehörigen Kommunen finanziell und will mit ihrem sogenannten Bügel-Programm die Abstellsituation von Fahrrädern in der Region verbessern: Die Region bestellt und finanziert pro Jahr 1.000 Fahrradbügel zum Anschließen von Fahrrädern, die die Städte und Gemeinden in eigener Verantwortung an Orten ihrer Wahl platzieren können.

Für ihr besonderes Engagement wurde zudem die Stadt Rotenburg (Wümme) geehrt. Sie erhielt zwar keine Auszeichnung, dennoch wollte die Jury ihr bestehendes Konzept würdigen und sie zur schnellen Umsetzung ermutigen.

Neben den Urkunden erhielten die ausgezeichneten Kommunen außerdem zwei große Straßenbanner und eine Plakette, mit der sie sich öffentlich als eine der fahrradfreundlichsten Kommunen Niedersachsens ausweisen können.

Minister Lies sagte abschließend: „Radfahren boomt. Mit einem Anteil von 15 Prozent am Gesamtverkehr ist der Radverkehr in Niedersachsen bereits heute überdurchschnittlich groß. Es ist wichtig, nicht stehen zu bleiben und weiterhin zukunftsfähige Konzepte zu entwickeln. Genau das haben die heute ausgezeichneten Kommunen gemacht und gehen damit in Niedersachsen mit gutem Beispiel voran.“

Die Übergabe der Zertifikate war in die Fachtagung „Fahrradland Niedersachsen“ eingebunden, auf der Minister Lies und Prof. Dr. Priebs die gemeinsame Broschüre „Fahrradland Niedersachsen“ vorstellten. Diese beinhaltet unter anderem die Vorstellung der neuen AGFK-Mitgliedskommunen und Ausführungen zu den Gewinner-Konzepten. red/cl

 

Weser-Radweg wird in Bodenfelde ausgebaut

Bodenfelde – Für rund 510.000 EUR verbreitert der Flecken Bodenfelde den Weser-Radweg auf seinem Gemeindegebiet von zwei auf drei Meter, um weiterhin einen gefahrenfreien Begegnungsverkehr gewährleisten zu können.

Das niedersächsische Verkehrsministerium unterstützt die Maßnahme mit Mitteln in Höhe von 250.000 EUR aus der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur (GRW) sowie aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE).

Wirtschaftsminister Olaf Lies lobt: 

„Investitionen in die Unternehmen sowie in die Infrastruktur sind wichtig, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Niedersachsens auszubauen. Mit diesen Fördermitteln greifen wir Unternehmen in strukturschwachen Regionen unter die Arme, unterstützen sie bei wichtigen Investitionsvorhaben. Damit steigern wir die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes im Ganzen und schaffen Arbeitsplätze.“

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Radwegplanung entlang einer nicht vorhandenen Autobahn

Hannover/Stade – Wie aus einer mündlichen Anfrage der Grünen-Abgeordneten Susanne Menge hervorgeht, wurden bislang keine Planungen zu dem als vordringlich eingestuften Radweg entlang der Landesstraße 114 zwischen Elm und Estorf aufgenommen. Unklarheiten bestehen bei dem bereits in der Vorgängerversion des landesweiten Radverkehrskonzeptes als prioritär eingestuften Radweg über die Trassenführung. Letztere steht nämlich in Abhängigkeit zur avisierten Bundesautobahn 20.

Dem aktuellen Radverkehrskonzept aus diesem Jahr folgend ist der projektierte Radweg in die Abschnitte Elm-A 20 und A 20-Estorf unterteilt, wobei der Plan von einem Ist-Zustand der Autobahn ausgeht. Das zuständige niedersächsische Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr erklärte dazu gestern, dass sich der sechste Abschnitt der A 20 derzeit im Planfeststellungsverfahren befinde und der Planfeststellungsbeschluss aus heutiger Sicht für Anfang 2018 erwartet werde. Planungen eines Radweges an der L 114 seien indes grundsätzlich unabhängig vom Bau der Autobahn zu betrachten.

Ein Datum bis zur endgültigen Verwirklichung wollte das Ministerium nicht nennen. Wörtlich heißt es in einer Erklärung:

Die Bearbeitung der einzelnen Projekte des „Vordringlichen Bedarfs“ des Radwegekonzeptes 2016 für Landesstraßen erfolgt nach einer internen Reihung im jeweils zuständigen Geschäftsbereich der NLStBV. Die Realisierung richtet sich dabei im Wesentlichen nach den personellen und finanziellen Ressourcen. Da noch keine Planung aufgenommen wurde, sind bisher auch keine Zeitziele vereinbart worden.

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