Ein Tag ohne Auto ist ein Tag mit Vélib

Autofreier Tag? In Deutschland Fehlanzeige. In der französischen Hauptstadt gehörten die Straßen am vergangenen Sonntag dagegen ganz dem nichtmotorisierten Verkehr. Doch bei aller Autofreiheit bleibt ein ganz bestimmtes Auto unverzichtbar. Ein Bericht von Rainer Hübner

Die Wettervorhersage hatte Regen für den Nachmittag angekündigt. Doch schon in der Champagne verzogen sich die Wolken und der Himmel hellte auf. Bestes Spätsommerwetter begrüßte mich als ich auf den Bahnhofsvorplatz der Gare de l’Est in Paris trat. Und natürlich eine Reihe der kleinen grauen Fahrrädern, die in ihren bornettes, den Halterungen, an denen die Leihräder andocken, auf Kunden warten.

An Deutschland ist der autofreie Tag nahezu spurlos vorbeigegangen. In Paris fand er dagegen am gestrigen Sonntag zum zweiten Mal in Folge statt. 2015 zunächst im überschaubaren Rahmen einiger gesperrter Innenstadtstraßen gestartet, ist 2016 die gesamte Kernstadt mit 650km Straßen für den motorisierten Individualverkehr gesperrt. Ganz autofrei ist die Stadt nicht, denn mit maximal 20km/h dürfen Taxis, Busse, Liefer- und Einsatzfahrzeuge verkehren. Und natürlich die wichtigsten Autos des Tages – doch dazu später mehr.

Fast zwei Drittel der Pariser Haushalte leben autofrei. Da hat die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo und ihre rot-grüne Stadtregierung breite Rückendeckung für eine Verkehrspolitik, die den Autoverkehr immer stärker zugunsten von Fußgängern, Radfahrern und dem öffentlichen Verkehr zurückdrängt. Die Sperrung des Quai d’Orsay für den Autoverkehr und dessen Umwandlung in eine Fußgängerzone war eines der Leuchtturmprojekte für die Pariser Verkehrswende. Weitere Straßensperrungen und Tempo 30 als innerstädtische Regelgeschwindigkeit sollen folgen.

Ich prüfe Reifendruck und Bremse, ziehe meine Chipkarte über den Leser der bornette und schwinge mich aufs Vélib. Ich rolle hinunter zum Canal St. Martin. Unzählige Menschen haben sich an seinen Rändern niedergelassen, machen Picknick, unterhalten sich bei einem Schluck Rotwein oder liegen einfach nur in der Sonne. Die Fahrbahnen sind von Radfahrern, Inlineskatern, Fußgängern, Skateboardern und Tretrollerfahrern bevölkert. Kein ungewohnter Anblick, denn die Fahrbahnen entlang des Kanals sind in den Sommermonaten sonntags regelmäßig im Rahmen des Programms „Paris respire“ (Paris atmet auf) dem nichtmotorisierten Verkehr vorbehalten. Heute ziehen ganze Schwärme von radelnden Familien entlang des Kanals, an dem sich werktags die Autos stauen.

Dabei ist das Fahrrad in Paris noch nicht lange etabliert. Die überwiegend autofreien Pariser bevorzugen öffentliche Verkehrsmittel, die inzwischen auch oft am Limit fahren oder Scooter, die allgegenwärtigen Motorroller. Erst als Hidalgos Amtsvorgänger Bertrand Delanoë in Kooperation mit dem Stadtmöbelunternehmen JCDecaux 2007 des Fahrradverleihsystem Vélib aus der Taufe hob und die Stadt mit einem Netz von Radwegen überzog, setzte der Siegeszug der „kleinen Königin“ – wie die Franzosen das Fahrrad liebevoll nennen – ein. Inzwischen wird das Vélib von seinem Erfolg überrannt. Die 20.000 überall im Stadtgebiet verteilten Räder sind so nachgefragt, dass tagsüber die Stationen an den Stadträndern oft leer sind, während an den innerstädtischen keine Rückgabe der Räder möglich ist, da alle bornettes belegt sind. JCDecaux „shuttelt“ in diesem Fall die Räder mit speziellen Transportern zwischen den Stationen, um eine gleichmäßigere Auslastung zu erreichen. Der heutige „journée sans voiture“ treibt das Verleihsystem wieder einmal an seine Grenzen.

Der riesige ampelgeregelte Kreisverkehr am Place da la Bastille erfordert werktags von Radfahrern ein starkes Selbstbewusstsein. Heute dominieren die grauen Vélibs den Platz. Ich lasse mich am Rande des Port d’Arsenal nieder und beobachte das Treiben. Jugendliche üben mit ihren Tretrollern an den Stufen Sprünge. Ein Rennradfahrer behebt eine Reifenpanne. Das wichtigste Auto des Tages durchquert die Szenerie. Es ist der Vélib-Transporter, der an den überlasteten Stationen in der Innenstadt Fahrräder abholt und wieder an den Stadtrand bringt. Als ich am Seineufer weiterfahre, beobachte ich an der Vélib-Station Pont Marie ganze Schlangen von Vélib-Kunden, die auf eine Rücknahmemöglichkeit für ihre Räder warten. Denn das Tarifsystem des Vélib erfordert die Rückgabe der Räder nach 30 Minuten, ansonsten werden zusätzliche Gebühren fällig. Ob das heute immer klappen wird? Zum Glück ist der Transporter schon in Sichtweite.
Am Hôtel de Ville vorbei geht es über die Rue Rivoli gen Louvre. Hier müssen sich Radfahrer sonst die Busspur mit ganzen Buskonvois teilen- nicht immer angenehm. Doch diesmal ist genug Platz für Busse und Räder; sogar ein ganzes Rudel Inlineskater zieht auf der Fahrspur in Gegenrichtung vorbei. Vor dem Palais Royal fliegen die Fahrräder: Auf einer Halfpipe zeigen BMXer und Aggressive-Skater ihr Können.

Nach rechts biege ich in die Avenue de l’Opera ein. Was für ein Anblick! Ganz ohne die obligatorische Blechlawine liegt der breite Boulevard vor mir und ich kann ungehindert auf das prachtvolle Opernhaus zufahren, auf dessen Vorplatz Musiker, Artisten und zahllose Touristen versammelt sind. In einer Nebenstraße fällt mein Blick auf das Café Vélib EXKi. Das Café kooperiert mit dem Vélib-Betreiber und hat zum heutigen autofreien Tag Tische und Stühle auf die Fahrbahn gestellt. An der davorliegenden Station das gleiche Bild wie am Pont Marie – und an der Straßenecke parkt der heiß ersehnte Transporter, dessen Fahrer bereits emsig die überzähligen Vélibs auflädt.

Endspurt die Rue la Fayette hinauf. So leer habe ich die sonst chronisch staugeplagte Straße an einem Nachmittag noch nie erlebt. Der Verkehrsbetrieb RATP kann sich heute vermutlich über die beste Pünktlichkeitsrate seiner Busse des Jahres freuen, denn ansonsten sind die Busspuren regelmäßig von Taxis und Lieferfahrzeugen verstopft.
Zurück auf dem Bahnhofsvorplatz der Gare de l’Est herrscht in der Vélib-Station gähnende Leere. Alle bornettes sind frei. Als ich mein Rad zurückgebe und mir ein doppeltes Piepen die erfolgreiche Rückgabe bestätigt, steht schon ein junger Mann neben mir. „Ça marche bien?“ „Oui, ça fonçtionne“ entgegne ich, während er schon seine Chipkarte zieht und auf des jetzt einzige verfügbare Vélib steigt. Nun ist die Station wieder leer. Das wichtigste Auto des Tages wird am autofreien Tag noch viel zu tun haben. rh

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