Auf Gullivers Spuren an Rhein und Ruhr – Zwischen Radschnellweg und Parkplatzmangel

Kolumne von Christian Linow

Mülheim/Essen/Krefeld – 

Die heilige Kuh

Der Ruf eilt ihm voraus. Viele europäische Großstädte würden auf ihn schauen, darunter London, Paris, Frankfurt oder Hamburg – heißt es. Er ist so etwas wie die heilige Kuh der Verkehrsplanung von morgen. Und wenn schon Familienbesuch im nicht allzu weit entfernten Krefeld ansteht, ist der ja ein absolutes Muss, dachte ich mir. Einmal ins deutsche Mekka der Pendler auf zwei Rädern. Die Rede ist vom Radschnellweg Ruhr, RS1 genannt.

Die Reise, so nehme ich mir im beschaulichen Stadtteil Uerdingen kurzerhand vor, soll natürlich standesgemäß mit einem Fahrrad beginnen. Schon alleine, um den Weg zum Bäcker für ein reichhaltiges Frühstück abzukürzen. Die App des allerorts in Nordrhein-Westfalen präsenten Bike-Sharers nextbike holt mich allerdings rasch auf das Trottoir der Tatsachen zurück. Mein next bike steht mindestens 12 km entfernt. Und eines anzurufen lohnt nicht, weil Call a bike erst gar nicht am Start ist. Am Ende breche ich mit dem Zug gen Mülheim auf. Immerhin auch ein Teil des Umweltverbundes, sodass meine Ökobilanz zumindest stimmt.

Pünktlich erreiche ich die Stadt am Fluss, wie sich Mülheim selbst bewirbt. Zur Auswahl habe ich gerade ein einziges des von nextbike  unterhaltenen Metropolradruhr – was für ein sperriges Wort! Das Anmieten an sich ist simpel. Nach erfolgreicher Registrierung aufs Fahrrad klicken, schon erhält man den Zifferncode für das Zahlenschloss. Dennoch macht sich Ernüchterung breit, als ich das gefühlt drei Nummern zu kleine Rad besteige. Mit einer Körpergröße von 190 cm und einem ebenfalls dreistelligen Gewicht passe ich nicht wirklich auf das Rad und dasselbe nicht zu mir. Meine Idee, es an der nahegelegenen Station am Kaiserplatz gegen ein größeres eintauschen zu wollen, scheitert mangels brauchbarer Alternativen, weil auch die anderen identische Maße haben.

Dafür stehe ich jetzt ortsunkundig zwischen mehrspurigen Straßen, einem für Radfahrer zu Recht gesperrten Tunnel und einer Fußgängerzone. Irgendwo hier soll sie sein: Die A40 für Radfahrer. Bloß liefert die auf der Projektseite des Regionalverbands Ruhr dargestellte Karte lediglich verpixelte Ergebnisse. Immerhin ist die Anschlussstelle „Eppinghofer Straße“ benannt. Da bin ich, doch ich weiß nicht weiter. Während blaue Autobahnhinweise gefühlt an jeder Ecke hängen, sucht man nach Schildern zum Radschnellweg vergebens. Selbst die ansonsten bei Velorouten üblichen Tafeln en miniature – Radfahrer müssen wohl bessere Augen als Autofahrer haben – sind nirgends auszumachen.

Ein jugendlicher Radfahrer liefert mir den ersten heißen Hinweis, vertut sich aber bedauerlicherweise dann doch bei der exakten Lokalisierung. Hinter der zweiten Bahnbrücke solle ich links abbiegen und die Strecke sei geil, sagt er. Ähm, nein. Er wollte mich geradewegs auf den Tourainer Ring geleiten. Nach einigem Hin und Her finde ich die passende Auffahrt. Direkt an einer, wie könnte es auch anders sein, opulent wirkenden und für Radfahrer mit Pollern abgeschotteten Straße. Dagegen schaut die Rampe zu Deutschlands erster „Radautobahn“ eher mickrig aus.

Irgendwie mild. Und ganz schön dunkel

Ich hatte ihn mir mächtiger vorgestellt. Martialischer, monumentaler eben. Erst recht nach den Worten von Martin Tönnes, dem zuständigen Bereichsleiter beim Regionalverband, gegenüber dem WDR, der ihn ehrfürchtig den Vater des Radschnellwegs getauft hat:

Die Pflasterung haben wir bewusst für die Einfahrten gewählt. Denn hier soll ein bisschen langsamer und achtsamer gefahren werden, damit alle Verkehrsteilnehmer wissen: Da kommt was von rechts, da kommt was von links.

Die ersten drei Kilometer an der Eisenbahn vom Hauptbahnhof entlang steigt die Strecke sachte an. Auf meinem mir viel zu kleinen Rad merke ich das allerdings sofort. Fast jede der Auffahrten überspannt, vom besagten Pflaster einmal abgesehen, ein Gitter, das von Weitem wie eine Überdachung aussieht, und auf das man nicht klettern soll. Dazwischen trennt ein schmaler Streifen aus Schotter die etwa vier Räder und Radler breite asphaltierte Schnellpiste vom sandigen Wanderweg. Akkurat mahnt das Zeichen 241-30 zur Einhaltung der Regel. Und noch etwas fällt auf: Der RS1 ist, wie eine norddeutsche Brauerei zu sagen pflegte, irgendwie mild, aber vollem ganz schön dunkel. Denn außer im Tunnel hinter der Hundeauffangstation gibt es keine Lampen am Wegesrand; die an den Fahrrädern nicht mitgezählt.

Ein jähes Ende ohne Parkplatz

Bei der Ausleuchtung, so jedenfalls scheint es, müssen sich die Planer des RS1 wohl genauso vom „Vorbild“ inspirieren lassen haben wie bei seiner Zielgeraden. Wie aus dem Nichts überrascht einen ab Höhe Böhmerstraße das jähe Ende des Asphalts und der getrennten Pfade. Von nun an radelt man kombiniert auf der eingeebneten ehemaligen Rheinischen Bahn. Den RS1 will hier so gar nichts mehr von anderen stillgelegten Eisenbahnen unterscheiden, deren Gleisbett man gegen wandertauglichen Kies eintauschte. In dieses Bild passt ingleichen die Abfahrt zum Berthold-Beitz-Boulevard, die einen auf eine merhrspurige, vielbefahrene Straße katapultiert. Eine Brücke gibt es bedauerlicherweise nicht. Vielmehr lädt die nur abschnittweise durchgeschaltete Ampelanlage sogar zum längeren Verweilen auf einer der Inseln ein, ehe die Auffahrt auf der gegenüberliegenden Straßenseite das letzte – wieder asphaltierte – Stück kontinuiert.

Hinter der Uni ist es soweit: Ich habe mein Ziel erreicht. Und, was viel wichtiger ist, eine komfortabel anmutende Station von metropolradruhr mit meiner Körpergröße entsprechenden Drahteseln. Für die Rückfahrt gibt es ergo einen Tausch. Die Meldung auf meinem Smartphone, mir würden zusätzliche Kosten in Rechnung gestellt werden, weil ich mein Velo aus Mülheim an einer abweichenden Station zurückgäbe, ignoriere ich geflissentlich. (Mal sehen, ob mir nextbike tatsächlich etwas aus meiner Sicht Fehlerhaftes berechnen wird.) Nach einem Schluck Wasser geht es zurück, dieses Mal jedoch bis nach Krefeld. Etwas schmunzeln muss ich schon, als ich an der ersten Gabelung ein paar Pedaltritte weiter die Richtungspfeile sehe. „Borbeck – 5,1“ und „Altendorf – 2,8“steht da, nichts weiter. Warum nicht „Mülheim“, denke ich bei mir. Das würde man wenigstens kennen.

Nach knapp 100 Minuten Fahrzeit erreiche ich Krefeld-Uerdingen. Mit meinem nextbike. Auf diese Weise ist die Samt- und Seidenstadt wenigstens drei Tage lang eine „Metropole Rad Ruhr“, jedoch ohne Parkplatz. In dem Haus, in dem ich mich besuchsweise aufhalte, gibt es weder Ständer noch Bügel. Schließlich erbarmt sich ein Nachbar meiner und erlaubt, dass ich das Rad an seinem Zaun befestige. Und ich glaube, es ist wohl an der Zeit für eine Stellplatzverordnung – für Fahrräder. cl

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